oben-rechts
mitte-rechts
unten-rechts

Alice Greenway: Weisse Geister

17. Januar 2011

„Was kannst du mir bieten?
Kannst du mir eine Hintergasse bieten, einen rauchgeschwängerten Tempel, wo weiß verschleierte Trauernde Opfergaben verbrennen und ihre Toten beklagen? Den kurzen hellen Schlag einer Tempelglocke? … Kannst du mir heißen Regen bieten … Das durchsichtige Grün des Sonnenlichts, wenn es durch Elefantenohrblätter scheint? …
Kannst du die Hand meines Vaters in meine eine Hand legen, Frankies Hand in meine andere? Und dann alles nehmen und fortgehen?
Denn wenn du es nicht kannst, so reicht es nicht. Und wenn du es kannst, gehe ich vielleicht trotzdem. Suche Schutz. Verschwinde im Dschungel mit dreifach tarnendem Blätterdach.“ (s. 7f.)

Die Geschichte von Kate und Frankie, zweier amerikanischer Schwestern im Hongkong der späten 60er Jahre. Ein magischer Sommer und das Ende einer Kindheit. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein, die laute, rebellierende Frankie und die stille, kantige, nachdenkliche Kate. „Geheimnis-Schwestern. Schiffbrüchige Schwestern. Vietkong-Schwestern“, so nennen sie sich, während sie scheinbar ihre eigene Welt erschaffen, im Dschungel, am Meer, in den Geschichten der chinesischen Haushälterin. Doch sie leben in einer Zeit der politischen Unruhen, Hongkong wird von Maos Revolution erschüttert und der Vater ist Fotograf während des Vietnamkrieges und kommt nur alle sechs Wochen nach Hause, mit neuen schrecklichen Bildern und Geschichten.

Meisterhaft schildert Alice Greenway das fragile Beziehungsgeflecht zwischen zwei Schwestern und wie es aus dem Gleichgewicht gerät. Erzählt von bedürftigen Menschen, einer Scheuklappenmutter, die wohlerzogene Püppchen als Kinder wünscht, ohne Probleme, von einem Vater, den Vietnam schon so gefangen genommen hat, dass er selbst ,wenn er da ist, kaum wirklich anwesend ist. Von dem Schweigen in einer Familie, von dem Nicht-Hinsehen und den tragischen Folgen. Aber auch von Kates erster Liebe zu dem sanftmütigen tauben Jungen und leidenschaftlichen Sammler aus der Nachbarschaft.

Neben dem besonderen Blick für Beziehungen ist auch Greenways Begabung für eine poetische, pulsierende Sprache hervorzuheben. Voller Sinneseindrücken, Lichtreflexen, eingefangenen magischen Momenten. Ihr gelingt es einen eintauchen zu lassen in diese geheimnis- und wunderbehaftete Welt einer Kindheit in Hongkong. Voller Liebe zur Natur, zu den Menschen. In ihrem Roman führt Greenway einem vor Augen wie nah Schönheit und Schrecken beieinander liegen können.

Fischer Taschenbuch 2011, 220 Seiten

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.