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Eliot Pattison: Der fremde Tibeter

5. Oktober 2010

Eine Krimigeschichte aber eigentlich viel mehr eine Geschichte über Tibet: über Besatzung, Zerstörung, Verfolgung aber auch über Buddhismus, Natur, Menschen und die Macht des Glaubens.

In den Bergen Tibets findet man die Leiche eines Mannes, mit fein säuberlich abgetrenntem Kopf. Da bald eine amerikanische Delegation diesen Teil Tibets besucht und der Bezirksermittler verschwunden ist, kommt der chinesische Bezirksdirektor auf eine mehr als ungewöhnliche Idee. Im Bezirksstraflager sitzt der ehemalige hochrangige Polizist Shan ein, der in Ungnade gefallen ist und nach Tibet verbannt wurde. Der Bezirksdirektor macht den Strafgefangenen Shan zum Ermittler in einem Fall voller politischer Intrigen, Verrat und wiederauftauchenden uralten Dämonen.

Shan ist ein Ermittler zwischen den Stühlen, gefangen im kommunistischen Rechtssystem, versucht er doch die Unschuld des so praktischen und schnell gefundenen angeblichen Täters zu beweisen. Ein weiterer tibetischer Mönch, der für ein Verbrechen büssen soll, das er nicht begangen hat.

Durch Anekdoten am Rande und durch die geschilderten Begegnungen zwischen Shan und den tibetischen Mönchen, und anderen Bewohnern, führt Pattison einen in die Geschichte Tibets ein. Shan entdeckt geheime Höhlen, versteckte Klöster, die der Zerstörung entgangen sind oder im geheimen wieder betrieben werden. Er begegnet dem tibetischen Widerstand, den Purba und ist mehr und mehr fasziniert von der Weltsicht und Lebenseinstellung der Tibeter.

Eine amerikanische Bergbaudelegation spielt eine entscheidende Rolle in den Ermittlungen und steht gleichzeitig für den westlichen Blick auf Tibet. Gerade diese unterschiedlichen Sichten auf Tibet machen das Buch so interessant, da ist die offizielle chinesische Sicht, dann die gespaltene von Ermittler Shan, die Sicht der tibetischen Mönche und schließlich auch der amerikanischen Bergbauspezialisten. Die gezielte Zerstörung der Klöster, die Internierung der Mönche, Geburtenverbote, Massenermordungen werden ebenso behandelt wie die Macht der Worte, Himmelsbegräbnisse, und das Leben auf dem Dach der Welt und in den buddhistischen Klöstern.

„Der fremde Tibeter“ ist kein typischer Krimi, dafür ist er  auch nicht spannend genug, aber für mich stand die Krimihandlung auch nicht im Vordergrund. Er lebt nicht von der Krimihandlung sondern von seinen Kulturbeschreibungen, den Schilderungen der Menschen und der Geschichte Tibets. Von den zwielichtigen Figuren, der Innenansicht des Kommunismus chinesischer Prägung und den Geheimnissen, die die Mönche umgeben. Eine Einladung beim Lesen nach Tibet zu reisen und seinen Bewohnern zu begegnen.

Aufbau TB 2002, 495 Seiten

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