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Alice Munro: Tricks

3. Juni 2012

Alice Munros Kurzgeschichten sind wirklich etwas besonders – sie zeichnet Schicksale, Bilder, Momente, die einen nicht loslassen. Sie fasziniert, schockiert, überrascht,  denn oft nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf, als man sich für die Hauptpersonen wünschen würde. Über den Geschichten liegt oft ein Schatten, denn ihre Helden scheinen geradezu glücksunfähig . Aber gerade das ist das Beeindruckende bei Munro, sie erzählt von den Schatten der Menschen, gerade die im Verborgenen macht sie sichtbar, Fäden, an denen die Menschen hängen ohne sich von ihnen lösen zu können. Sie entwickelt die Abhängigkeiten, Schwächen und Abgründe ihrer Protagonisten, indem sie sie in Schicksalssituationen stößt, die Verborgenes zu Tage fördern und zeigen wie gefangen der einzelne ist.  Die Geschichten sind schon kleine Kunstwerke, einem auf so wenigen Seiten Menschen so intensiv  begreifbar zu machen mit ihren Ängsten und mit ihrem Glück, als ob man sie durch hunderte von Romanseiten begleitet hätte.

Da ist ein  Shakespearestück im Sommer, eine vergessene Handtasche, eine Begegnung, ein Moment, der über das Glück zweier Menschen entscheidet. Oder eine Ehegeschichte, mit einem versuchter Ausbruch und der Macht des nicht-ohne-den-anderen-können. Eine andere Geschichte erzählt eine Verführungsgeschichte, die mit der Faszination von dem Abgrund des anderen endet. In einer weiteren zerren drei Erwachsene an einem Kind und konfrontieren es mit einem Karton voller Asche. Munro zeigt, dass kleine Entscheidungen oft das ganze Leben verändern können. Ein grünes Kleid, das nicht fertig war, eine spontane Autofahrt, ein Brief oder eine verpasster Zug. Meistens erzählt sie von Frauen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen und Umfeldern, jede auf ihre Art ganz unverwechselbar.

Meine Lieblingsgeschichten aus dieser Sammlung sind: Ausreißer, Entscheidung, Tricks und Verfehlungen. Wunderschön entwickelte melancholisch, intensive Schicksale, in denen man dem Leben mit all seinen Wendungen und Überraschungen begegnet. Kurzgeschichten, die ganze innere Welten zeigen. Klug, entlarvend, treffend.

Fischer Taschenbuch 2008, 380 Seiten

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