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Christoph Poschenrieder: Der Spiegelkasten

5. November 2012

„Am achtzehnten August 1914 fühlte Ismar Manneberg, nachdem er das dunkle, haarige Ding in seiner Handfläche erkannt hatte, zum ersten Mal, wie sich die Tatze des schwarzen Panthers an seinen Hals legte. Vorsichtig und geradezu zärtlich schwebte sie warm und rauh über der Schlagader, aber sie holte nicht aus und hinterließ von den Krallen nur ein winziges Kitzeln.“ (S. 11)

Inhalt:

Ismar Manneberg ist jüdischer Offizier im 1. Weltkrieg, ständig begleitet von der Todesangst, die für ihn die Form eines schwarzen Panthers hat. Während eines Krankenhausaufenthaltes nach einer schweren Traumatisierung trifft er auf den ungewöhnlichen Militärarzt Karamchand und seinen geheimnisvollen Spiegelkasten. Sofort ist er fasziniert von dessen Methoden, Amputierten lindert dieser die Phantomschmerzen und durch verständige  Gespräche geht der Arzt der  „Seelenblindheit“ auf den Grund.

Ein Roman der fesselt, verstört und aufwühlt und den Leser den wahnwitzigen Stellungskrieg hautnah miterleben lässt. Poschenrieder widmet sich vielen interessanten Aspekten des 1. Weltkrieges, was es bedeutet als jüdischer Offizier zu dienen und diese Position im Kaiserreich überhaupt erst zu erreichen, dem erschreckenden damaligen Umgang mit traumatisierten Soldaten und deren Stigmatisierung, den inneren politischen Unruhen kurz nach dem Waffenstillstand und vielem mehr.

„Der Spiegelkasten“ spielt auf zwei Zeitebenen, der Zeit des 1. Weltkrieges und in der heutigen Zeit, immer abwechselnd erzählt. Ismar Manneberg, der als Offizier im 1. Weltkrieg kämpft, ist der Großonkel des Protagonisten der heutigen Zeit. Dieser findet die Kriegs-Fotoalben seines  Großonkels wieder und vertieft sich  immer mehr in die verstörende Welt des 1. Weltkrieges. Der Großneffe ist Journalist und als Medienanalyst tätig, doch eigentlich gerade in einer Lebenskriese, die ihn langsam die Realität verlieren lässt und ihn immer mehr in die brutale schwarz-weiße Welt der Fotoaufnahmen treibt.

Bewertung:

Mich hat der Roman fasziniert, vor allem die Geschichten um Ismar Manneberg, seinen fröhlichen Freund Rechenmacher, den geheimnisvollen Arzt und die unbekannte Frau, die auf Ismars Briefe antwortet. Facettenreiche Bilder prägen sich ein: das Schreiben eines Liebesbriefes an eine Unbekannte, zahlreiche Schützengrabenszenen, die Ruhe vor dem Sturm und der Moment des Ergebens, in dem Manneberg immer noch nichts fühlen kann. Kunstvoll baut Poschenrieder Kindheitserinnerungen Ismars ein, wie das Vorlesen seines Lieblingsmärchens oder Studentenerinnerungnen , kleine Versatzstücke und Sprünge, die den Mann im Schützengraben greifbar machen. Mehrfach musste ich beim Lesen an den Film „Mathilde ein große Liebe denken“ und seine verstörenden Bilder des 1. Weltkrieges.

Die Geschichte des Großneffen und Journalisten ist am Anfang ganz unterhaltsam, voller Medienkritik und netter Seitenhiebe, doch je mehr dieser sich von der Welt abkapselt, desto mehr sehnt man sich nach den Kapiteln mit Ismar. Und gerade wegen diesen eindrucksvollen Kapiteln lohnt sich der Roman.

So ein gelungenes Spiel mit Sprache und Bildern:  Mal scharfzüngig, mal melancholisch, mal phantasievoll, ironisch, drastisch … immer unglaublich abwechslungsreich und intensiv. Die Schrecken des Krieges und die psychischen Folgen so zu schildern, ist Kunst.

Diogenes Verlag 2011, 222 Seiten

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