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Emma Braslavsky: Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik

22. Januar 2010

Thüringen 1982. Sieben Geschwister treffen am Grab ihrer Mutter aufeinander.

Unterschiedlicher können sie kaum sein. Erzählt werden ihre Versionen der Familiengeschichte, ihre Träume und Ängste. Sieben Lebensentwürfe und ein Familiengeheimnis. Ein ungewöhnliches, kreatives Buch.

Da ist Günther, arbeitsloser Theaterautor, mal philosphisch, mal kindisch und auf jeden Fall exzentrisch. Oder die liebe, brave Helga, die einzige Daheimgebliebene, die sich um die Mutter gekümmert hat und jetzt alle überrascht, in dem sie einen Traum der beiden wahr werden läßt.  Dann ist da Lilian, berlinernde  Hebamme, Selbstdarstellerin und Plappermaul. Oder Wolfgang, Soldat in der  DDR, verschlossen mit Vaterkomplex. Dann ist da noch Richard, der frömmelnde Priester mit lebensmüder Ehefrau . Da ist auch noch Viktoria, alleinlebend auf einem Bauernhaus, Ziegenkäseherstellerin, Naturfee und Malerin, sie beschreibt ihre Familie zum Beispiel gerne in Stillleben. Außerdem ist da noch Anna, eigentlich begabte Musikerin, mit krankem Ehemann, die nicht nur einen Traum begraben hat. Ach ja und da ist auch noch der verstorbene Herbert, der auch zu Wort kommt. Und nicht zu vergessen der kluge Bestatter Goldstein und der Wellensittich Cowboy, der aus Western zitieren kann.

Alle zwei, drei Seiten wechselt die Perspektive und jemand anderes der Geschwister erzählt, so lernt man alle aus der eigenen Sicht und sofort danach aus den Sichtweisen der anderen kennen. Diese Erzählweise macht das Besondere des Romans aus, es ist unglaublich spannend diese Charaktere aus allen Perspektiven kennenzulernen, gekonnt entwickelt die Autorin facettenreiche und glaubhafte Figuren, jeder mit eigener Sprache und Denkweise. Alte Feindschaften kommen hoch, Unverständis aber auch Nähe und ein Zueinanderfinden.  Es geht darum, ob die Träume, Wünsche in Erfüllung gegangen sind, ob jeder das aus sich herausgeholt hat, was er gekonnt hätte, ob man glücklich ist oder sich abgefunden hat.

Damals ist die Großmutter von einem auf den anderen Tag verschwunden, die Mutter der sieben Kinder hat nie davon gesprochen, was wirklich geschehen ist. Wie sie überhaupt wenig von der eigenen Kindheit erzählt hat und um so weniger über die eigene Mutter, sie ist für ihre Kinder immer Geheimnis geblieben. So hat jedes der Kinder seine eigenen Vermutungen über die Großmutter angestellt, die sieben Versionen werden in die Geschichte des Romans eingebettet wiedergegeben. In jeder der Geschichten spiegeln sich Wünsche wieder, der Großmutter werden Eigenschaften zugeschrieben, Talente, an die das eigene Leben anknüpft.

Begeistert hat mich die unglaubliche Vielseitigkeit des Romans, die vielen Stimmen, die originellen Charaktere. Im Grunde erfindet ja jeder von uns ein Stück seiner Familiengeschichte. Und in einer Familie, in der wenig gesprochen wird über Vergangenes ist die Phantasie um so blühender.

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