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Erik Fosnes Hansen: Choral am Ende der Reise

12. März 2010

Ein genialer Roman: vielschichtig, voller Tiefe, Klugheit und vor allem voller Leben.

Erzählt wird die fiktive Geschichte von fünf Musikern des Schiffsorchesters  der Titanic.  Kunstvoll verwebt E.F. Hansen den Alltag auf dem Schiff mit den einzelnen Lebensgeschichten, voller Träume, Verlust, Liebe und Verzweiflung. Das Schiffsorchester besteht aus einer bunten Ansammlung  von Menschen, die gemeinsam haben, dass sie alle vor etwas auf der Flucht sind (und sei  es nur vor sich selbst), dass sie alle ihr altes Leben hinter sich gelassen haben oder das Vergessen suchen.

Da ist zuerst einmal Jason Coward, der wortkarge Kapellmeister, der als Kind einen der schwersten Verluste überhaupt erlitten hat, dem daraufhin auch noch die Sterne verloren gegangen sind und den seine Geige und das Reisen vergessen lassen. Er ist zusammen an Bord mit seinem Freund Alex, Exilrusse und erste Geige, den eine bedrohliche Krankheit Bilanz ziehen lässt. Nach Jahren schreibt er seinem Bruder einen langen Brief, eine Lebensbeicht, eine poetische Bitte „Ich wollte Dir schreiben, um Dir zu sagen, Du sollst bewahren, was Dein ist, wirklich Dein: Deine Freiheit. Laß Dir von niemandem jemals ein Eisschloss bauen, und gehe niemals freiwillig hinein.“ (S. 216f.) Bald folgt die Geschichte des geheimnisvollen Pianisten Spot, vom adeligen Wunderkind über die Meisterschule in Paris zum Schiffsmusiker. Eine Geschichte von Selbstverleugnung, Gehorsam und dem langsamen Zerbrechen am größten Traum. Dann ist da noch der 19jährige David aus Wien, der in letzter Sekunde eine Vertretungsstelle bekommen hat und nun ängstlich zum ersten Mal ein Schiff besteigt.   Ihn hat die große Liebe und die große Enttäuschung auf die Titanic gebracht. Zum Schluß kommt der sonderbare und leicht verrückte Bassist Petronius aus Rom zu Wort. Erzählt wird von seiner Gabe des Sehens, von einer Karriere als Puppenspieler, von der Befreiung eines Gespenstes und dem Weg an sich. Der Schwerpunkt der Geschichten liegt auf der Kindheit und Jugend der Musiker, hier zeigt E.F. Hansen, was die äußeren Umstände aus einem Menschen machen können oder wie er selbst durch seine Veranlagungen die Richtung seines Lebens bestimmt.  In allen Lebensgeschichten geht es ums Heranwachsen, um Lebensentwürfe, Leidenschaft und manchmal auch den persönlichen Untergang.

Zwischen diesen packenden Lebensgeschichten kommen der Ingenieur Andrews zu Wort, der Konstrukteur der Titanic, oder der Oberkellner Gatti mit seinem Traum, die Wünsche der Gäste erspüren zu können. Eingeflochten ist auch eine kurze Passage über die untrennbare Liebe von alten Kapitänen zu ihren Schiffen oder über die Notwendigkeit der Existenz von Gott auf See. Immer wieder werden kurze Szenen auf dem Schiffe geschildert, kurze Momentaufnahmen; von der ersten Klasse bis zum Heizungsraum. Sie transportieren die Stimmung an Bord, erwartungsvoll, freudig und ahnungslos immer mit der, dem Leser wohl bekannten Katastrophe der Titanic, im Hintergrund.

Schon mit seinem Buch „Das Löwenmädchen“ hat mich Erik Fosnes Hansen begeistert, aber „Der Choral am Ende der Reise“ ist wirklich etwas Besonderes. Die unterschiedlichsten Lebensgeschichten entstehen vor dem inneren Auge, eine einnehmender als die andere. Eine Zeitreise, eine Schatztruhe voller Bilder, Figuren und Anekdoten, die man so schnell nicht vergisst.

507 Seiten, Kiepenheuer und Witsch 1995

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