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Gustave Flaubert: Madame Bovary

8. August 2010

Obwohl über 150 Jahre alt, ist dieser erste realistische Roman der Literaturgeschichte erstaunlich zeitlos. Die Geschichte der schwärmerischen, leidenschaftlichen  Emma Bovary und ihres Untergangs könnte genauso heute spielen. Das was den Roman unter anderem immer noch so aktuell macht, sind Flauberts Beziehungsstudien, wie er die unterschiedlichen Liebesbeziehungen und ihre Stufen, von der ersten Leidenschaft bis hin zum langsamen Erkalten, durchdringt ist beeindruckend. Wie er die an ihren Erwartungen und Träumen scheiternde Emma schildert, die im Alltag Gefangene, die Liebe und Luxus zu ihrem Lebenselixier macht. Die plastisch entwickelten Charaktere sind  greifbar, mit all ihren  Ecken und Kanten.

Die junge naive Emma, Tochter eines wohlhabenden Landwirtes,  heiratet voller Hoffnungen auf ein gesellschaftlich aufregenderes Leben den Landarzt Charles Bovary. Doch schnell zerschlagen sich Emmas Hoffnungen, der Dorfalltag langweilt sie und ihr Mann stellt sich als leicht dümmlicher, ehrgeizloser Mensch heraus, der sie zwar auf Händen trägt aber kein wirklicher Gesprächspartner für die gebildete Emma ist.

Auch nach dem Umzug nach Yonville, in eine größere Ortschaft und der Geburt ihrer Tochter, kommt Emma ihren Träumen nicht näher. Sie sehnt sich nach leidenschaftlicher Liebe, wie sie sie aus ihren Romanen kennt, anregendem Geistesaustausch und Luxus. Die Eintönigkeit ihres Lebens, führen zu starken Stimmungsschwankungen. Zum Nichtstun verdammt, gefangen in einer unglücklichen Ehe, ist Emma auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn.

Sie begegnet dem Großgrundbesitzer Rodolphe und lässt sich von ihm verführen. Eine stürmische Affäre nimmt ihren Lauf, für kurze Zeit kann die leidenschaftliche und träumerische Emma ihrem langweiligen Alltag entfliehen. Emma wird außerdem zusehends luxussüchtiger und verschuldet sich in dem sie häufig Zerstreuung durch neue Kleider und Einrichtungsgegenstände sucht und somit ständig über den Verhältnissen der Bovarys lebt. Sie geht sogar soweit den gutmütigen und leichtgläubigen Charles auch finanziell zu hintergehen. Als Rodolphe sich ihrer entledigt  und ihre gemeinsame Flucht vereitelt, erkrankt sie schwer.

Nach der Erholung verliebt Emma sich erneut diesmal in den Kanzlisten Leon, anstatt vorgetäuschter Reitstunden sind es nun angebliche Klavierstunden, die sie nach Rouen in ihr gemeinsames Liebesnest führen. Diesmal ist Emma die Erfahrene, die Verführerin. Der feinsinnige Leon, genau so literaturbegeistert wie Emma, ist endlich auch vom Intellekt und seinen schöngeistigen Interessen ein ansprechender Partner für Emma. Aber auch diese Liebe scheitert irgendwann an der Macht der Gewohnheit, und dem schleichenden Versiegen der Leidenschaften. Emma betreibt weiter ihre Anhäufung von Luxusartikeln bis den Bovarys die Pfändung bevorsteht. Der drohende Ruin und ihre Enttäuschung vom Leben treiben Emma zu einer verzweifelten letzten Tat.

Madame Bovary ist eine Tragödie, aber gleichzeitig voller Situationskomik, Übertreibung und Ironie. Besonders faszinierend an diesem Roman sind die vielschichtigen Charaktere, ihre Innenansichten, und ihre Wandlungen. Emma Bovary ist eine sehr interessante Frauenfigur, mal naiv, mal berechnend, mal leidenschaftlich, aber immer getrieben

Kritik an der Gesellschaft, den verkommenen Moralvorstellungen und der Kirche kommen auch nicht zu kurz. Dieser zeitlose Klassiker ist sehr zu empfehlen.

Insel Verlag 2007, 454 Seiten

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