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Irène Némirovsky: Feuer im Herbst

15. Juli 2011

Thérèse liebt Bernard und Bernard liebt das Vergnügen, die Frauen, den Luxus. Der junge Kriegsheimkehrer ist voller Lebenshunger und Gier, verzweifelt versucht er alles nachzuholen, und hat sich von jeglichen Moralvorstellungen gelöst. Als 18jähriger hat er sich freiwillig gemeldet und zurück kommt er „gealtert ohne, Zeit zum Reifen gehabt zu haben … Seelisch war ihm eine Wunde beigebracht worden, die nichts mehr würde heilen können.“

Die ewig liebende und verzeihende Thérèse, in ihrer kleinbürgerlichen Welt verhaftet, hofft, dass ihre Liebe für beide ausreicht, und irgendwann der Bernard, in den sie sich verliebt hat, zu ihr zurückkommt.

Ein faszinierendes Porträt Frankreichs während der Zeit des Ersten Weltkrieges bis zum Ende des Zweiten.  Irène Némirovsky gelingt es die Auflösung und Neuerfindung einer Gesellschaft zu zeigen, die die alten Moralvorstellungen aufhebt, von Vergnügungssucht und verdrängtem Schrecken getrieben. Sie schildert eine Welt, aus den Fugen geraten: „Die ganze Menschheit ist in der geistigen Verfassung eines Kindes“. Die Autorin ist Zeitzeugin der 20er Jahre in Paris und den Beginn des 2.Weltkrieges. Sie kam in  Auschwitz um, nach 60 Jahren wurde ihr letztes Werk wiederentdeckt und mit den vorherigen Titeln auch ins Deutsche übersetzt.

Alte Werte wie Anstand, Sparsamkeit und Treue „kamen nach und nach aus der Mode, wurden fast lächerlich.” Die Schnelllebigkeit, der Lebenshunger und die Maßlosigkeit prägten die Zeit. Aber auch die zahlreichen Machenschaften, das schnelle Geld mit zweifelhaften Rüstungsgeschäften und anderen dubiosen Unternehmungen. Bernards eigener Sohn stürzt mit einem fehlerhaften Militärflugzeug ab, aus Deals, die sein geldversessener Vater voller blinder Skrupellosigkeit und  innerer Verdrängungskunst abgeschlossen hat.

Im sachlichen Ton schildert Némirovsky die Schicksale ihrer Figuren, springt zwischendurch von einem zum nächsten, zeigt innere Monologe und ist unglaublich nah dran. Gelungen zeigt sie die Ironie der Kriegsberichterstattung,  voll gemütlich eingerichteter Schützengräben und die tatsächliche Realität des Krieges. Sie schafft es gekonnt die kleinbürgerliche Gedankenwelt zu veranschaulichen, die nicht mehr in die Zeit passt, sowie die Gier und die Skrupellosigkeit der Neureichen. Ihr Roman begeistert, da er entscheidende Entwicklungen festhält und einmal mehr den Wahnsinn von zwei Weltkriegen so kurz hintereinander greifbar macht.

Knaus 2008, 272 Seiten, mittlerweile auch als Taschenbuch bei btb

 

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