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Jonathan Franzen: Freiheit

2. November 2010

Fast neun Jahre nach „Die Korrekturen“ der zweite großartige Familienroman von Jonathan Franzen: Wieder liegt eine Familie auf dem Seziertisch des begnadeten Autors und wird Stück für Stück auseinander genommen. Die Berglunds, das sind: Patty, Vorzeigemutter und Exbaskettballstar, und ihr Gutmensch-Ehemann Walter, Umweltaktivist und Kämpfer gegen die Überbevölkerung. Sowie der begabte Sohn Joey, Ichverdreher und Womanizer und die überkorrekte, spießige Tochter Jessica. Um die Schwächen und Stärken der einzelnen Familienmitglieder zu enttarnen, braucht es nur noch einen gutaussehenden Rockmusiker namens Richard Katz, ein verliebtes und treues Nachbarsmädchen und eine junge attraktive Mitarbeiterin, die an das Gute in einem glaubt. Interessant wird das ganze dann noch, wenn die  zwei Eltern, in ihrer eigenen Familiengeschichte auf Konkurrenz und Helfersyndrom gepolt wurden und der eigene Sohn zur proletenhaften republikanischen Familie von nebenan zieht.

„Freiheit“ ist natürlich noch viel mehr als ein Familienroman, gleichzeitig ist es ein Umweltroman und ein Gesellschaftsroman. In dem unter anderem der „Wir-retten-die-Welt-Umweltaktivismus“ der schmutzigen Realität von Pakten mit der Kohleindustrie gegenübergestellt wird oder tiefe Einblicke in den Vogelschutz gewährt werden. Außerdem wird unter anderem der Irakkrieg thematisiert und wie sich damit Geld verdienen ließ, um nur einen Aspekt der vielen Bereiche der amerikanischen Politik und Gesellschaft, die ihm Buch bearbeitet werden zu erwähnen.

Erzählerisch ist „Freiheit“ ähnlich beeindruckend wie „Die Korrekturen“, zu Beginn des Buches und erneut am Ende des Buches schildert Franzen den Blick der Nachbarn auf die Berglunds. Herrlich böse und abgründig wird da gelästert und der nachbarlichen Neugier (hinter der stellenweise der Neid direkt sichtbar ist) entgeht auch wirklich nichts. Wieder ist es Franzens Ironie, die dieses Buch so besonders macht, sein entlarvender Blick auf die Abgründe in den Menschen.

Besonders gelungen finde ich die Darstellung der Beziehung zwischen Patty und Walter, sie hat sich in sein Bild von ihr selbst verliebt, in den Menschen, der das Gute in ihr sieht und den sie braucht, um es zu sehen. Der liebe gute Walter hingegen wird einem gleich viel sympathischer, als er in dem Kapitel „Die Wut des netten Mannes“ endlich mal explodiert.

Insgesamt ein faszinierendes, tiefsinniges Buch, das Verhaltensweisen, Familienstrukturen und  Rollenverhalten sichtbar macht und den Blick schärft für die Menschen in der eigenen näheren Umgebung. Lupengleich lässt Franzen einen, überaus scharfe und nahe Blicke auf Beziehungen werfen, immer mit dieser lockeren Ironie, die so ganz nebenbei schmunzelnde Wahrheiten offenbart. Vielleicht kommt „Freiheit“ nicht ganz an „Die Korrekturen“ heran, aber das ist ja auch nahezu unmöglich.

Rowohlt 2010, 731 Seiten

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