oben-rechts
mitte-rechts
unten-rechts

Jonathan Franzen: The Corrections

24. August 2010

Der familiäre Wahnsinn kunstvoll seziert von Jonathan Franzen. Das Buch ist voller Abgründe und schmerzender Wahrheiten, ein Blick hinter die Fassade, eine Entzauberung der Institution Familie. Ironisch, unverblümt nimmt Franzen seine Charaktere auseinander und zeigt eine wunderbare Beobachtungsgabe für menschliches Verhalten.

Die amerikanische Familie Lambert, das sind: die Eltern Alfred und Enid, nun in den Siebzigern und ihre drei Kinder, der älteste Garry, dann Chip und die jüngste Denise. Nach fast fünfzig Jahren als Ehefrau und Mutter möchte Enid endlich mal ihr Leben genießen und ihr größter Wunsch ist, dass die ganze Familie noch einmal zu einem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest zusammenkommt. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht bei dieser Familie, ihr Ehemann Alfred dämmert in seinem Lieblingssessel vor sich hin und seine voranschreitende Parkinsonerkrankung lässt sich kaum länger ignorieren. Ihr ältester Sohn Garry, riskiert einen langfristigen Ehekrach wegen Weihnachten und merkt dass seine Frau längst eine Front mit den Kindern gegen ihn gebildet hat. Chip, der seine hoffnungsvolle universitäre Lehrtätigkeit einstellen musste, ist mittlerweile unter dubiösen Umständen in Lettland beschäftigt und Denise, die ehrgeizige und erfolgreiche Meisterköchin hat gerade eine entscheidende Lebens- und Liebeskrise.

Enid, die dominante Mutter, die enttäuschte Ehefrau, die so gerne mit ihren reichen Nachbarn mithalten würde, und Meisterin im Wunschdenken und Ausblenden der Realität ist. Aber sie ist auch eine Frau, die sich all die Jahre danach gesehnt hat, geliebt zu werden und das Gefühl zu haben richtig zu sein.

Alfred, der strenge Vater und kalte Ehemann, der immer nur gearbeitet hat,  sich abends in seinen Bastel- und Forschungskeller verzogen und dort eigentlich darauf gewartet hat, dass ihn jemand besucht, ihn jemand aus seiner Einsamkeit befreit.

Garry, der so ganz anders werden wollte als sein Vater, fühlt sich am wohlsten auf der Arbeit, weit weg von seiner Familie, dem von seiner Frau eingeredet wird depressiv zu sein, und der längst den Kampf um die Macht im Haus und über die Kinder verloren hat.

Chip, der „Versager-Sohn“, der Träumer, der sich nach Erfolg sehnt, ihn nur nicht so richtig angehen kann, Möchtegerndramatiker, Chaot und immer auf der Suche nach der perfekten Frau.

Und dann ist da noch Denise, die es allen recht machen will, die sich ausbrennt für andere, die Meisterköchin, die perfekte Tochter, und die durch eine Affäre mit der Frau ihres Chefs erst merkt, dass sie eigentlich Frauen liebt.

Die Charaktere in diesem Buch sind so glaubhaft und vielschichtig entwickelt, dass die unterschiedlichen Rollen, die jeder von ihnen spielt, die Verschiebungen der Machtverhältnisse zwischen Ehemann und Ehefrau, Mutter und Tochter, Sohn und Vater greifbar werden. Da ist zum Beispiel die Frau von Garry, die ihren Job aufgegeben hat, um die beste Freundin ihrer Kinder zu sein, die sich mit den Kindern verbündet,  das liebevoll gekochte Essen des Ehemanns schon mal in den Mülleimer wirft und dann für sich und die Kinder Pizza bestellt, die die Kinder mit Videospielgeschenken manipuliert, und insgesamt wunderbar zeigt, wie die weiblichen Waffen im familiären Machtkampf aussehen können. Oder das Ehepaar Alfred und Enid, ein anschauliches Beispiel, wie man sich gegenseitig unglücklich machen kann, beide haben sich nach Nähe gesehnt, die sie sich aber gegenseitig nicht geben konnten, da sie nicht aus ihrer Haut kamen.

Ich habe lange kein  Buch mehr gelesen, das so entlarvend, so treffend die engsten menschlichen Beziehungen auseinander nimmt. Großartig!  Ein tiefgründiges, hartes Buch, das einen aber auch laut lachen lässt. Über den ganz normalen Familienwahnsinn.

Picador 2001, 601 pages

3 Kommentare zu “Jonathan Franzen: The Corrections”

  1. am 25. August 2010 um 19:00 1.Ada Mitsou schrieb …

    Dieses Buch wartet schon seit geraumer Zeit darauf, von mir gelesen zu werden. Durch deine Rezension ist es jetzt ein paar Plätze weiter nach vorne gerutscht und ich denke, diesen Winter werde ich mich endlich hineinstürzen.
    Das liest sich nämlich sehr vielversprechend!

  2. am 26. August 2010 um 10:31 2.Buchmarie schrieb …

    Ging mir ähnlich, stand lange als must-read im Regal, und nun bin ich sehr froh, dass das Buch es nicht länger zugelassen hat, es zu überlesen 🙂

  3. am 31. August 2010 um 23:30 3.Ailis schrieb …

    Hast mir so richtig Lust gemacht auf dieses Buch! 🙂