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Michela Murgia: Accabadora

3. Juni 2010

Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen.“ Die alte Schneiderin Bonaria Urrai nimmt die kleine Maria als sechsjährige zu sich und ist ihr eine neue Mutter. Sie kümmert sich um das ungewollte vierte Kind einer verarmten Witwe, als wäre sie ihre leibliche Tochter und Maria wird später Bonaria pflegen.

„Accabadora“ ist eine Mutter-Tochter-Geschichte, ein Porträt Sardiniens und ein Buch, dass sich den zentralen Themen Tod und Liebe auf eine ganz eigene Art widmet. Es ist eine archaische Welt in der Maria in einem kleinen Dorf auf  Sardinien in den 50ern aufwächst, geprägt von alten Bräuchen und Legenden. Die neugierige, lebhafte Maria verlebt eine glückliche Kindheit bei der alten Bonaria, sie verliebt sich in den Nachbarsjungen, erobert sich einen Platz im Herzen der Dorfbewohner und genießt die Nähe die Bonaria und sie verbindet. Obwohl sie manchmal ahnt, dass diese etwas vor ihr verbirgt. Da sind die nächtlichen Besuche, das plötzliche Verschwinden mitten in der Nacht und dann ist da noch die Ehrerbietung der Dorfbewohner, nicht üblich für eine normale Schneiderin. Als Maria schließlich erfährt, wer ihre geliebte Bonaria wirklich ist, flieht sie Hals über Kopf nach Turin und arbeitet dort als Kindermädchen. Sie will alles hinter sich lassen, besonders diese starke, geheimnisvolle Frau, die ihr einmal so nah war. Erst als diese pflegebedürftig ist, kommt sie als erwachsene Frau zurück und nähert sich ihr wieder an.

Eine Accabadora ist sardischen Legenden nach eine Frau, die halb Hebamme ist und halb Sterbehilfe leistend. Sie verhilft Sterbenden in großen Schmerzen zu einem Selbstbestimmten Tod und begleitet sie auf ihrem letzten Weg. Mit der alten Bonaria werden diese Legenden lebendig. Michela Murgia hat ein beeindruckendes Buch geschrieben voller karger Schönheit widmet es sich existenziellen Themen. Diese klare Sprache, die archaische Welt des alten Dorfes und die starken Charaktere ziehen einen in ihren Bann. Es ist ein überaus kluges Buch, das einem das wirklich Wichtige im Leben vor Augen führt. Vom Stil her ein bisschen wie „Wie ein Stein im Geröll“, das ja auch in einer abgeschiedenen archaischen Welt spielt und trotzdem soviel vom Leben selbst erzählt.

Wagenbach 2010, 170 Seiten

Ein Kommentar zu “Michela Murgia: Accabadora”

  1. am 24. Juni 2010 um 12:14 1.Ailis schrieb …

    Eine schöne Rezension!
    Ich bin durch die Empfehlungen bei Ada Mitsou auf deinen Blog gestoßen und werde dich ebenfalls auf meine Blogliste nehmen, da es mir hier so gut gefallen hat und ich gerne wieder vorbeischauen werde. 🙂

    Liebe Grüße,
    Ailis