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Sofi Oksanen: Fegefeuer

8. Dezember 2010

Ein überaus bemerkenswertes Buch: Zeitreise, Anklage und Familiengeschichte in einem. Die alte estnische Bäuerin Aliide Truu findet auf ihrem Hof liegend eine verstörte junge Frau und nimmt sie, gegen ihre Menschenverachtung kämpfend, mit ins Haus. Die junge Zara ist vor ihren brutalen Zuhältern geflohen und ist doch nicht ganz zufällig auf dem Hof von Aliide Truu gelandet. Sie glaubt, dass Aliide die Schwester ihrer Großmutter sein könnte. Doch einfach ist es nicht an Aliide und ihre Geschichte heranzukommen, dazu hat diese zu viele schreckliche Dinge in ihrem Leben erlebt. Düstere Geheimnisse verbergen sich auf diesem Bauerhof in Estland, und Aliide ist nicht nur Opfer sondern auch Täterin.

Der Roman spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen, mal werden Teile von Aliides Vergangenheit erzählt, die Rivalität mit ihrer älteren Schwester, die Zeit während des Krieges, die russische Besatzungszeit, oder Erinnerungen an ihre Jugend. Dann Teile von Zaras Geschichte, bevor sie zur Prostitution gezwungen wurde und die Zeit ihrer Flucht. Abgewechselt von der Schilderung des kurzen zerbrechlichen Zusammenlebens dieser beiden so unterschiedlichen Frauen in der Gegenwart, die doch eine gemeinsame Erfahrung verbindet. Das gekonnte Wechseln zwischen den Zeitebenen macht auch die besondere Spannung des Buches aus, krimiartig setzt sich die Geschichte zusammen. Oksanen hat auch Briefe und Dokument eingebaut, die ein neues Licht auf die Geschehnisse werfen. Erst ganz zum Schluss, werden einem der volle Umfang der Grausamkeiten und deren Folgen bewusst.

Die Geschichte der Aliide Truu zeigt das Schicksal einer Frau, der das schlimmste angetan worden ist, und ihr Leben mit der Angst, der Scham, der Verletzlichkeit. Trotz allem gelingt es ihr einen Teil von sich zu retten, die Säuberungen zu überleben und sich mit dem System einzulassen um ihre Liebe und ihren Hof zu retten. Doch der Preis den Aliide dafür zahlen muss ist hoch.

„Fegefeuer“ ist auch die Geschichte von zwei Schwestern, von Eifersucht, Neid und Hass innerhalb einer Familie und welche zerstörerischen Kräfte dabei frei gesetzt werden. Außerdem taucht der Leser in die Geschichte Estlands ein: die Zeiten der Besatzungen, die unterschiedlichen politischen Systeme spielen eine entscheidende Rolle im Leben der Frauen.

Voller Bilder, Gerüche, voller sinnlicher Eindrücke erzählt Oksanen die unglaublichen Geschichten dieser Frauen. Ihr gelingt es selbst das Unaussprechliche darzustellen, indem sie gekonnt andeutet, auslässt  und der Rest im Kopf des Leser passiert. In den Blicken der anderen Frauen sieht Aliide, welcher ähnliches angetan worden ist. Ich habe selten eine Autorin/einen Autor gelesen, die/der  so kunstvoll über Angst, Schuld und Verletzlichkeit schreiben kann.

Kiepenheuer & Witsch 2010, 387 Seiten

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