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Willa Cather: Meine Antonia

3. Juni 2010

Eine Auswanderergeschichte, eine Freundschaftsgeschichte und eine Liebeserklärung an die Natur Nebraskas zugleich. Voller Aufbruch, Scheitern, Traurigkeit, Sehnsucht und Natürlichkeit.

„Meine Antonia“ ist die Geschichte der böhmischen Antonia, die 1880 mit ihrer Familie nach Amerika, Nebraska auswandert, und die Lebensgeschichte des Nachbarsjungen Jim Burden, dem Erzähler. Jim Burden ist zehn, als er zu seinen Großeltern nach Nebraska zieht, Antonia ist etwas älter, schnell freunden die beiden sich an.

Antonia hat es nicht leicht, zu Anfang lebt ihre Familie in einer Art Erdloch und keiner von ihnen versteht etwas von Farmarbeit. Ohne die Hilfe der Nachbarn hätten sie den ersten harten Winter in der Prärie Nebraskas gar nicht überlebt. Die durchtriebene Mutter hat die Familie nach Amerika gebracht, vor allem für ihren zwielichtigen Sohn Ambrosch. Der Vater, ein feingeistiger Geiger, hat auf Drängen seiner Frau mit seiner Familie seine Heimat verlassen doch  dieses Leben in der ärmlichen Erdwohnung mitten in der Prärie ohne Kultur und Kunst, fernab vom Stadtleben, ist sein Untergang und er begeht aus lauter Verzweiflung Selbstmord.

Gemeinsam erkunden Antonia und Tom die Prärie, wenn Antonia zwischen all der Arbeit Zeit hat. Erleben Abenteuer in dieser unwirtlichen Weite, entdecken die Schönheit ihrer neuen Heimat und wachsen heran. Tom bringt Antonia Lesen bei, so wissbegierig und neugierig wie sie ist, wird sie bald die Dolmetscherin ihrer Familie und erleichtert ihr dadurch das Ankommen in der neuen Umgebung. Die wilde Antonia sprüht vor Charme und Lebensfreude, durch ihre offene natürliche Art wird sie von ihrer Umgebung sehr geschätzt. Als die Burdens in die Stadt ziehen, gelingt es ihnen, die nun jugendliche Antonia bei den norwegischen Nachbarn als Hausmädchen unterzubringen. Antonia genießt das Stadtleben in vollen Zügen bis sie eine Entscheidung trifft, die ihr neues Leben in der Stadt, schlagartig zu einem Scherbenhaufen werden lässt.

Jim Burden erzählt aber nicht nur die Geschichte Antonias, sondern auch von anderen Einwanderern zum Beispiel drei skandinavischen jungen Frauen, die es durch ihre Natürlichkeit und Herzlichkeit noch weit bringen und so ganz anders, als die verstockten einheimischen Frauen sind. Da ist Sonia, die ihren Weg als Schneiderin, der reichen Damenwelt, macht und sich ein unabhängiges, freies  Leben in der Großstadt erarbeitet. Oder eine andere der drei wird reiche Hotelbesitzerin. Aufgewachsen unter den einfachsten und härtesten Bedingungen, in einer Geschwisterschar von oft zehn Kindern, arbeitend seit sie denken können, schaffen es diese Frauen sich ein neues Leben aufzubauen. Sie stehen für den Aufbruch und prägen das neue Amerika.

Willa Cather hat eine literarische Verbeugung vor diesen Einwandererfrauen geschrieben, vor ihrer Stärke und ihrer Lebensfreude. Ihr Erzähler ist fasziniert von diesen Frauen, allen voran Antonia, auch wenn er sie während seines Studiums für längere Zeit aus den Augen verliert, prägt sie stark sein Frauenbild. Als er sie nach Jahren in ihrer eigenen Großfamilie besucht, abgearbeitet und müde, erkennt er trotzdem die alte Lebensfreude in ihr, die Herzlichkeit, die auch die jahrzehntelange harte Arbeit nicht zum verschwinden bringen konnte.

„Meine Antonia“ wurde 1918 veröffentlicht und ist die literarische Wiederentdeckung einer großen amerikanischen Erzählerin. Mit einer klaren Sprache lässt sie die Prärie vor dem inneren Auge entstehen und schafft Charaktere, die bestehen bleiben.

btb, November 2009, 320 Seiten

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