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Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

13. Dezember 2010

Mal wieder eine richtig gute Familiengeschichte, ich habe mit diesen verschrobenen, liebenswürdigen Charakteren gelebt, gefühlt, gehofft, bin ganz tief eingetaucht in ihre Geschichten und Geheimnisse. Anne B. Ragde ist ein nahe gehender, emotionaler aber auch unglaublich authentisch wirkender Roman gelungen. Der sich damit auseinandersetzt, was aus Träumen, Wünschen geworden ist, aus dem Schweigen, aus dem Sich-Nicht-Begegnen. Der erzählt von der Gewöhnung an die Einsamkeit,  den kleingeschrumpften Träumen, den verpassten Chancen oder von der Angst,  dass das Glück,  das man hat, wie eine Kristallfigur zerspringt.

Es ist die Geschichte von drei Brüdern,  die der Tod der Mutter wieder auf einander treffen lässt, auf einem heruntergekommen Bauernhof in Norwegen. Ein Schweinezüchter, ein Bestattungsunternehmer und ein schwuler Dekorateur. Tor der älteste Bruder, ist auf dem elterlichen Hof geblieben, er hatte von allen die engste Bindung an die Mutter und ihn wirft die Trauer aus der Bahn. Das schönste in seinem Leben sind seine Schweine, seine kluge Zuchtsau Sara, die ihn mit ihren lieben Augen anschaut, als verstehe sie ihn. Margido der zweitälteste hat sich lange nicht mehr auf dem Hof blicken lassen, obwohl er in der Nähe wohnt, er ist ein Bestattungsunternehmer, der zu viel gesehen hat, dem der Glaube abhanden gekommen ist und dessen größter Traum es ist eine eigene Sauna zu besitzen. Erlend, der jüngste, ist schon als Jugendlicher vom Hof geflohen, er lebt in Kopenhagen zusammen mit seinem Lebensgefährten Krumme und dekoriert Schaufenster.

Der einsame Tor, der hart gewordene Margido, der exzentrische Erlend, unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Und trotzdem hat das Schicksal sie während der Weihnachtstage wieder zusammengeführt. Dann ist da noch der alte Vater, der Schatten auf dem Hof, und die Tochter von Tor, Torunn, die er all die Jahre verschwiegen hat. Alle sind gefangen in ihren Lebensentwürfen, in ihrer Sprachlosigkeit, in ihren Rollen. Doch an diesen Weihnachten springt  der ein oder andere über seinen Schatten, setzt sich mit seiner Familie, mit seiner  Vergangenheit auseinander. Als der Vater am Weihnachtsabend etwas mehr trinkt als sonst lüftet er ein unglaubliches Familiengeheimnis, das alle unmittelbar betrifft, und ein ganz neues Licht wirft auf das Lügenhaus.

Einer meiner Lieblingscharaktere ist Erlend, seine Lebensfreude, sein Sinn für Schönheit und Genus, das Glück, das er mit Krumme und umgekehrt hat, ist ansteckend. Torunn mit ihrer Natürlichkeit und Hilfsbereitschaft bringt die Brüder näher zusammen und schafft es doch glatt auf diesem unwirtlichen Hof mit Hilfe von Erlend ein Weihnachtsfest auf die Beine zu stellen. Diese greifbaren Charaktere, das sogartige Hineintauchen in ihr Leben, macht das Buch für mich zu einem besonderen Leseerlebnis.

btb 2009, 336 Seiten

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