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Arno Geiger: Alles über Sally

15. September 2011

„…ich mag Tolstoi, er war ein hervorragender Schriftsteller, in seinen Tagebüchern steht für alle Zeiten, dass Romane nicht damit enden sollen, dass Held und Heldin heiraten, mit diesem Ende muss man anfangen, weil mit der Schilderung der Hochzeit aufhören, das sei, schreibt Tolstoi, als erzähle man von der Reise eines Mannes und bräche den Bericht an der Stelle ab, wo der Mann in die Hände von Räubern fällt …“ S. 315f.

30 Jahre Ehe und was nun, Fremdgehen, Bleiben, sich wieder neu in den alten Partner verlieben? Sally wählt den Ehebruch und das Bleiben, Alfred setzt aufs Warten, auf das Sally wie schon so oft wieder zurückkehrt.

Arno Geiger erzählt vom Anfang voller Glück, dem möglichen Ende, und der langen Mitte, die geprägt ist von ab und zunehmender Zuneigung.

Die unstete, lebenshungrige Lehrerin Sally versucht mit ihren Anfang 50 weiter sichtbar zu sein und sich jung zu fühlen, was ihr an der Seite ihres stützstrumpftragenden, schwerfälligen Ehemanns, der seine Abende am liebsten auf der Coach verbringt nicht gelingt. Sie beginnt eine Affäre mit seinem besten Freund und dem gutmütigen, antriebslosen Museumskurator Alfred bleibt zu hoffen, dass sie wieder zurückkommt.

„Alles über Sally“ ist ein ehrliches, unsentimentales Buch, das frei legt was hinter der Ehefassade passiert und dass eine Ehe immerwährenden emotionalen Schwankungen unterliegen kann. Auf wunderbar direkte, lockere Art zeigt Geiger, dass man manchmal nur das Ermüdende, nur die Fehler am Partner sieht und das man sich, wenn die Farbe abblättert fragen könnte, wen man nicht mehr mag, den anderen oder sich selbst.

Ein Buch voller Situationskomik, unaufgeregter Ehrlichkeit und sprachlichen Schätzen. Mit einigen Längen in der Mitte, lohnt es sich dran zu bleiben, um dieses Projekt Ehe tiefgreifender erzählt zu bekommen.

Carl Hanser Verlag 2010, 368 Seiten  mittlerweile auch als TB , ♥ ♥ ♥ ♥

 

Zwei Lieblingsstellen:

„Sie versuchte, ihm durch leichte Berührung Vertrauen einzuflößen, ihn an die berechtigte Hoffnung zu erinnern, dass er bald wieder obenauf  sein werde, dass sie ihn bald wieder lieben werde, so wie sie ihn am Anfang geliebt hatte und später auch immer wieder, nur jetzt nicht, da konnte sie ihm nichts vormachen.“ S. 131

„Zwei Dutzendherzen in einem kleinen, überladenen Haus. Und ohne dass die beiden es merkten, begann draußen Schnee zu fallen, harmlos und naiv suchten sich die Flocken ihren Weg durch den beständig schwankenden Raum.“ letzter Satz

 

 

 

 

 

 

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