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Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen

2. Mai 2010

Was für ein Buch!!! „Wir Ertrunkenen“ ist mehr als eine Familiengeschichte, es ist die Saga einer ganzen Stadt. Die Geschichte der kleinen dänischen Stadt Marstal von 1848 bis 1945 und gleichzeitig eine Geschichte über die Macht des Meeres und ein Porträt der Seefahrt.

Es ist eine Weltreise, ein Abenteuerroman: der Leser reist in die Südsee, begegnet Kannibalen und Sklavenhändlern, reist nach Neufundland, ist gefangen im ewigen Eis, steckt in Orkanen fest, erleidet Schiffbruch, durchlebt zwei Weltkriege und kehrt immer wieder zurück nach Marstal, dessen Schicksal so eng mit dem Meer verwoben ist.

„Wir Ertrunkenen“ ist die Geschichte von Laurid Madsen, der eine Schiffsexplosion überlebt  und bald darauf auf den Weltmeeren verschwindet. Die Geschichte von Albert Madsen, der auf der Suche nach seinem Vater, zahlreiche Abenteuer bestehen muss, bis er nach Marstal zurückkehrt und erfolgreicher Reeder wird. Bald plagen ihn Albträume von untergehenden Schiffen, von Bomben und getöteten Seefahrern; in seinen Träumen erlebt er die Weltkriege bevor sie über Marstal hereinbrechen. Die dritte Hauptfigur ist  Knud Erik, vaterlos, nimmt sich seiner der alternde Albert Madsen an, ist ihm Großvater und Vater in einem. Bringt ihm alles bei, was er weiß und erzählt ihm die unglaublichsten Seefahrergeschichten, exotisch, phantastisch. Knud Erik wird wie fast alle Männer selbst zur See fahren, durch die harte Schule an Deck gehen, die Hierarchie an Bord am eigenen Leib spüren, bis er sich zum Steuermann und anschließend zum Kapitän hochgearbeitet hat. Auch er steckt mitten in den haarsträubensten Abenteuergeschichten, von im Eis gefangenen Geisterschiffen, einer Unterwassergeburt während eines Torpedoangriffs, unsinkbaren Konvoischiffen, von einer russischen Hafenstadt ohne Männer, einem Mörder ohne Beine und vielem anderen mehr. Die vierte Hauptfigur ist Klara, Seemannswitwe, Mutter von Knud Erik, und Geliebte von Albert Madsen. Klara hasst das Meer und sagt ihm den Kampf an. Dem Meer, das die Männer und Söhne ruft und sie verschlingt.

Neben diesen vier Hauptfiguren tauchen aber auch zahlreiche andere Personen und ihre Geschichten auf. Kleine Anekdoten, die das Buch so vielseitig und abwechslungsreich machen.  Eine Jungenbande vertreibt zum Beispiel einen heimlichen Mörder nur mit Blicken aus der Stadt, Schüler erteilen dem prügelnden Lehrer eine Lektion oder eine Witwe spielt Schicksal.

Es ist ein bunter Bilder- und Geschichtenteppich, eine Liebeserklärung an die stolzen Segelschiffe und die weltoffenen Seefahrer, mit ihrem Zusammenhalt, ihrem Kampfgeist und ihrem harten Leben voller Extreme.

Erzählt wird aus einer vielstimmigen Erzählperspektive, von einem allwissenden wir. Dadurch rücken die Geschichten noch näher an den Leser heran. Marstal und seine Bewohner begleiten einen, als ob man selbst in dem Ort verwurzelt ist. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, voller Verzweiflung, Liebe, Härte und menschenverändernden Schicksalsschlägen.

Überbordend an Charakteren, Lebensläufen, Abenteuern und Wissen über die Seefahrt. Absolut fesselnd, phantasievoll und abenteuerlich.

btb 2010, 778 Seiten

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