oben-rechts
mitte-rechts
unten-rechts

David Benioff: Stadt der Diebe

27. Mai 2010

1942, Leningrad, zwei verurteilte junge Erwachsene erhalten einen schier unmöglichen Auftrag: um ihr eigenes Leben zu retten  sollen sie im belagerten und hungernden Leningrad zwölf Eier auftreiben.

Der eine ist der  schüchterne 17-jährige Lew, der einen toten deutschen Bomberpiloten geplündert hat, der andere der 19-jährige Charmeur Kolja, der als Deserteur verhaftet wurde, auf beides steht die Todesstrafe. Beide bekommen vom Geheimdienstchef von Leningrad noch eine Chance: wenn sie in einer Woche die gewünschten Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben, werden sie begnadigt. So beginnt diese unglaubliche Geschichte, voller Abenteuer, Humor und Tragik.

Das ungleiche Paar rutscht von einem Abenteuer ins nächste, ihre absurde Suche führt sie vom Lenigrader Schwarzmarkt, durch Wälder und Dörfer bis hinter die feindlichen Linien in die Hände der gefürchteten deutschen Einsatztruppen. Sie begegnen auf ihrem Weg durch die ausgehungerte Stadt und Landschaft, Kannibalen, russischen Schönheiten, die den deutschen Einsatztruppen nachts zur Verfügung stehen müssen, Hunden, die als lebende Bomben trainiert werden, Partisanen und vielen anderen. Als die junge Scharfschützin Vika ihren Weg kreuzt, wild und hart geworden durch den Krieg, ist Lew gleich fasziniert von ihr. Mit seinen Schachkünsten und seinem Messer wird er ihr dabei helfen den Leiter der gefürchteten Totenkopfeinsatztruppen in eine Falle zu locken.

Lew ist ein unsicherer, zweifelnder Held, der sich danach sehnt zum ersten Mal mit einer Frau zusammen zu sein, und der seinem Vater nicht verzeihen kann, dass er für die Literatur alles riskiert hat, verhaftet wurde und seitdem verschollen ist. Kolja hingegen ist selbstbewusst, impulsiv und voller Charme, mit seinem losen Mundwerk bringt er die beiden in die unmöglichsten Situationen. Als Frauenheld gibt er Lew unterwegs Lektionen und berichtet aus seinem reichen Erfahrungsschatz der Eroberungen. Insgeheim ist Kolja aber auch Schriftsteller, der gerade an seinem ersten Roman schreibt.

Der Krieg ist allgegenwärtig und der alles dominierende Hunger ist immer spürbar. Benioff schildert Gräueltaten des Krieges, Verzweiflung und Brutalität in Bildern, die man nicht so schnell vergisst.  Er selbst ist Drehbuchautor, und das kommt diesem Roman sehr zu gute, zeitweise spielt sich regelrecht ein Film im Kopf ab. Es ist eine gekonnte Mischung aus Tragik und Humor, denn dem lebenslustigen Charmeur Kolja ist es zu verdanken, dass das Grauen nie die Oberhand behält. Humorvolle Passagen wechseln mit Kriegschilderungen und Vernichtungsakten.

Ein unglaublich spannendes Buch, vielseitig in  einem ganz besonderen Ton erzählt. Rasant, witzig, tragisch, mit zwei Helden, die über sich hinaus wachsen. Manchmal sind sie aber auch einfach zwei verlorene junge Erwachsene in einer verdrehten, brutalen Welt, mit einer schier unlösbaren Aufgabe.

Heyne TB, 06/2010

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.