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Erri de Luca: Der Tag vor dem Glück

31. Juli 2011

Erri de Luca erzählt von Mensch, Stadt und Natur und der Verwurzelung eines Niemandes.

Ein Waisenjunge wächst in den 50er und 60er Jahren in Neapel heran, in einem Verschlag eines Mietshauses lebend, durchgefüttert von einer Gönnerin und dem Hausmeister. Er verschlingt Bücher seit dem ihn ein Buchhändler Bücher kostenlos ausleihen lässt, kämpft sich zum Torwart der Mietshauskinder hoch, himmelt Anna aus dem 3. Stock an und wird irgendwie erwachsen.

Begleitet von den Geschichten des Hausmeisters Don Gaetano, der ihm zum väterlichen Freund und Berater wird. Don Gaetano erzählt von Neapel im 2. Weltkrieg, vom Aufstand der Bevölkerung gegen die Deutschen und die endgültige Befreiung durch die Amerikaner, den Wundern der Nacht, von seiner Kindheit im Waisenhaus, seiner Erfahrungen in der Wildnis Argentiniens oder von  dem Juden, den er in einem alten Schmugglerversteck,  im letzten Kriegsjahr untergebracht und versorgt hat. Durch diese Erzählungen verwächst der junge Held des Romans mit seiner Stadt, auf Spaziergängen mit Don Gaetano lernt er die Ehrfurcht vor der Natur kennen und seine Heimat.

Aber am wichtigsten sind die Lektionen, die ihm Don Gaetano über Menschen gibt, gesegnet mit der Gabe Gedanken hören zu können, ist er zu einem wichtigen Ratgeber, Schlichter und Vertrautem der Mieter geworden, seine Fähigkeit niemals ausnutzend, versteht er die Menschen und ihre Beweggründe. Als Gehilfe des Hausmeisters entdeckt er die Welt der Mietwohnungen und ihre Geheimnisse.  Den einfältigen Schuster, der sich zum Gespött der Leute macht, den verschuldeten adeligen Spieler, der noch nie gearbeitet hat, die junge Witwe, die den Hausmeister zu besonderen Diensten in ihr Schlafzimmer bestellt, die schwerhörige Dame, deren Obstlieferung der ganze Hof mithört …

Erri de Luca erzählt poetisch, wortgewaltig, wortreich und stellenweise märchenhaft. Beim Lesen lässt er durch seine wunderschönen Vergleiche und Szenen Bilder entstehen, die gerade das Schöne im Kleinen zeigen. Von der Macht des Windes, der Schüchternheit der Angst, dem Kitzeln der Sonne, und deren Reflexion von Scheibe zu Scheibe bis zur dunklen Hausmeisterwohnung. Durch die unbedarfte, Kind gebliebene Sicht auf die Welt, und das erfrischend südländische Überbordende gelingt ihm ein besonderes Porträt Neapels. Allein die Liebesgeschichte gerät kitschig, überzogen und unglaubwürdig. Aber dafür entschädigt wieder der weise gedankenhörende Don Gaetano.

Graf Verlag 2010, 172 Seiten

 

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