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Kate Morton: Der verborgene Garten

22. April 2010

Mein Lieblingsschmöker aus diesem Frühjahr: Eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg, ein ungeklärtes Familiengeheimnis und eine Verbeugung vor Frances Hodgson Burnett und „Der geheime Garten“.

Die drei Hauptfiguren sind Nell, eine eigenbrötlerische Trödelhändlerin in Australien, ihre verletzliche Enkeltochter Cassandra und die phantasievolle, englische Schriftstellerin Eliza Makepiece, die sich auf Märchen spezialisiert hat.

Der Roman spielt auf drei Zeitebenen. Auf der einen Ebene wird die Geschichte von Nell erzählt, die als vierjährige aus ungeklärten Umständen, allein an einem australischen Hafen sitzt und dann von liebevollen Pflegeeltern aufgenommen wird. Doch für Nell zerbricht ihre Welt, als sie von ihrem Vater mit 21 erfährt, dass sie nicht seine leibliche Tochter sei. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer anderen Familie, einziger Anhaltspunkt sind ein weißer Kinderkoffer, Erinnerungsfetzen an eine Frau auf einem Schiff und ein altes Märchenbuch von einer englischen Autorin namens Eliza Makepiece. Auf der zweiten Zeitebene, in der Gegenwart, versucht Cassandra das Rätsel der Herkunft ihrer Großmutter endgültig zu lüften, denn diese hat ihr ein Cottage in Cornwall vererbt, das mit der verborgenen Familiengeschichte von Nell verknüpft zu sein scheint. Und in der fernen Vergangenheit wird das Leben von Eliza Makepiece erzählt, von den Anfängen ihrer Kindheit in einem Armutsviertel in London, bis hin zur unerwarteten Aufnahme auf den Herrschaftssitz ihres Onkels, von dem ihre Mutter damals wegen einer nicht standesgemäßen Liebesheirat geflohen ist. Es ist die Geschichte von einem phantasiebegabten Kind, einer lebensfrohen Frau, die in ihrer Cousine Rose, eine Freundin fürs Leben findet, und alles für sie tun würde. Bis hin zu einem Versprechen, dass ihre Familie über mehrere Generationen als ungeklärtes Geheimnis begleiten wird.

„Der verborgene Garten“, in dem ein Labyrinth eine zentrale Rolle spielt, ist selbst wie ein Labyrinth angelegt. Der Leser schreitet auf den Wegen der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft und Stück für Stück setzt sich das große Bild zusammen. Gekonnt verwebt Kate Morton die Geschichten der drei Hauptfiguren miteinander und erzeugt einen unglaublichen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Es geht darum, was Identität ausmacht, über die Macht von Familienbanden und über die Kraft der Phantasie. In dem Roman sind außerdem drei Märchen der fiktiven Schriftstellerin Eliza Makepiece enthalten, die zentrale Momente aus Elizas Leben veranschaulichen.

Mir haben die Personen gut gefallen und der süchtig machende Aufbau und Stil. Man versteht mit der Zeit die harte Schale von Nell und die Verletzlichkeit von Cassandra, die alles verloren hat. Aber auch die lebensfrohe Eliza voller Geschichten und Ideen, die so gar nicht in das strenge und sittsame Herrschaftshaus ihrer Tante passt, wächst einem schnell ans Herz, im Kontrast zu der kränklichen, zarten Rose.

Zusammengefasst ein richtig guter Schmöker: Familiengeheimnisse, Dramen, Verrat, Liebe, ganz viel England und ein Hauch von Jane Austens Mansfield Park und Charles Dickens. Zum Verschlingen, habe es an einem Tag durchgelesen, da ich es nicht aus der Hand legen konnte.

Diana TB 2010, 640 Seiten

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