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Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre

1. Juli 2010

Eine Freundschaftsgeschichte – und was für eine.

Skarlet erhält von ihrem besten Freund Paul „einen Brief aus dem Jenseits“, in dem er sie bittet seine Grabrede zu halten. Ausgehend von dieser Bitte erinnert Skarlet die gemeinsame Geschichte, von der wunderreichen Kindergartenzeit über die wilde Studentenzeit  bis in die 40er des Erwachsenenlebens.

Ein beeindruckendes Buch, phantasievoll und  echt. Die Charaketere wirken so authentisch entwickelt, als wohnten Paul und Skarlet um die Ecke. Skarlets Gedanken sind so greifbar, sie kommt so natürlich daher, dass man ihr noch viel länger zuhören könnte. Skarlet hat sich die Fähigkeit sich zu wundern bewahrt und überrascht einen immer wieder.

Paul und Skarlet sind zusammen aufgewachsen in der DDR : die phantasievolle und wilde Skarlet, die immer noch auf der Suche ist, und der eigenwillige Quergänger Paul, der immer wusste, was er wollte. Zusammen haben sie es geschafft die tyrannische Kindergärtnerin Tante Edeltraut auszutricksen, haben sich Geschichten ausgedacht, waren so unzertrennlich dass sie „die Zwillinge“ genannt wurden, haben gemeinsam an der Uni rebelliert und sind ihren Träumen gefolgt. Skarlet hat ihr geliebtes Italien entdeckt und Paul hat ein altes Kino gekauft. Und irgendwie sind sie älter geworden, Skarlet hat eine Tochter bekommen, eine gescheiteret Eher hinter sich  und arbeitet immer noch als Pressesprecherin im Zoo. Paul, der Zauberer aus Kindertagen, hat einen kleinen Sohn bekommen und in Judith seine große Liebe gefunden.

Es sind die Tage um Silvester in Leipzig, Skarlet muss die Grabrede schreiben, die Frau von Paul, unterstützen, aber vor allem muss sie mit dem Verlust umgehen. Da Skarlet bei der Sargauswahl berät, kann da ja nur ein gelber Sonnenblumen-Sarg mit Pauls Lieblingsblumen von einem Künstler bemalt, herauskommen.

In diesen wenigen Tagen entsteht die Geschichte einer wirklichen Freundschaft vor dem Auge des Lesers, von den gemeinsamen Verrücktheiten, bis zu den Schatten, von den letzten Gesprächen an Pauls Krankenbett und von den letzten gemeinsamen Phantastereien. Beide ringen sich am Ende Eingeständnisse ab, zwingen einander einzusehen was für eine große Rolle der strenge, pedantische Vater von Skarlet in ihrem Leben gespielt hat und der fehlende Vater für Paul. Die letzten Gespräche mit dem Außerirdischen, wie Skarlet Paul nach der Chemo nennt, führen sie noch mal zurück in ihre eigene Kindheit. Zu dem Kontrollfreak und Sparfuchs als Vater und einer dermaßen glückliche Ehe der Eltern, die die jugendliche Skarlet dazu verleitet ihren Eltern zur Silberhochzeit eine Trauerbeileidskarte zu  schenken. Eine der schönsten Szenen ist aber der letzte gemeinsame Abend mit Paul, der nun auch die künstliche Nahrung kaum noch zu sich nehmen kann: Skarlet hat Paul ein Italienkochbuch geschenkt und nun träumen sie sich ein italienisches Feststagsmenu zusammen, das sie beide zusammen wortreich beschreibend essen.

>>Kein Kitsch, keine falsche Coolness, keine überzeichnete Figur findet man in diesem Roman, sondern das Leben, wie es sich uns vorstellt: immer anders, als es auf den ersten Blick scheint, und leider oft kürzer, als man es erhoffte<< Berliner Zeitung

Piper TB 2008, 250 Seiten

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