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Marina Lewycka: Caravan

29. Juli 2010

Die Geschichte eines wahnwitzigen Multikulti-Road-Trips quer durch England. Humorvoll, wunderbar bunt und temporeich. Als Arbeiter auf einer Erdbeerfarm in England lernen sie sich kennen: die kämpferische und impulsive Jola, polnische Vorarbeiterin in den 50ern, ihre gläubige Nichte Martha, die aus den einfachsten Zutaten ein Festmahl zaubern kann und Tomasz auch Pole, Gelegenheitsmusiker und heimlich in Jola verliebt. Dann wären da noch Andrij, ehemaliger ukrainischer Bergarbeiter, Anfang zwanzig, voller Träume und zu gutmütig für seine raue Umgebung, Irnia eine junge,  naive und überhebliche Ukrainerin,  auf der Suche nach dem perfekten Engländer  und der Liebe. Sowie Emanuel, aus Malawi, der seine Schwester sucht und so wunderbar singen kann. Zwei Chinesinnen, die niemand auseinander halten kann und Vitali, der viele Sprachen spricht und schwer zu durchschauen ist.

Sie alle haben große Hoffnungen auf ihren Aufenthalt in England gesetzt, träumen große Träume und werden konfrontiert mit menschenverachtenden Arbeitsbedingungen, erpresserischen Arbeitgebern und Menschenhändlern. Doch so leicht lässt sich die bunte Truppe nicht unterkriegen, als der fiese Erdbeerfarmer überfahren wird, fliehen alle gemeinsam in einem uralten Caravan. Der Road Trip beginnt: mit  Zwischenstationen als Arbeiter auf einer Hühnerfarm, Tellerwäscher, Gäste einer sowohl reichen als auch kaputten englischen Familie, als Fischer und  als tägliche Überlebenskünstler sowieso.

Marina Lewycka spielt mit den gegenseitigen Vorurteilen der Protagonisten und natürlich auch der Leser. Keine der Figuren wird zu ernst genommen, jeder ob Erdbeerpflücker oder alkoholkranker Unternehmer, bekommt sein Fett weg. Es wird übertrieben, ironisch verzerrt und mit ihrem lockeren Erzählton schafft Lewycka den Spagat zwischen guter Unterhaltung und ernsten Themen.  Der unterschiedliche Wert von Menschen wird hinterfragt und die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen hinter den sommerlichen Erdbeeren (beliebig zu ersetzen mit anderen Obst- oder Gemüsessorten) werden veranschaulicht indem die unsichtbaren Hilfsarbeiter Namen und Geschichten bekommen.

Die unterschiedlichen Perspektiven der Helden machen das Buch zu einem Lesevergnügen. Sie wechseln sich ab mit erzählen: widersprechen sich, wundern sich, streiten sich, nähern sich an. Kulturen, Mentalitäten und ganz persönliche Eigenarten treffen aufeinander. Sogar „Hund“, der Streuner, der ihnen zuläuft, trägt seine Kapitel bei, herrlich, die Hundeperspektive auf die Erdbeerpflücker.

Ein witziger aber auch nachdenklicher Unterhaltungsroman voller Lebensfreude, der einen mitnimmt auf die Erdbeerfarmen und direkt in die Wohnwagen der Hilfsarbeiter, zu ihren Träumen und der oft schrecklichen Realität.

dtv 2010, 384 Seiten

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