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Michal Viewegh: Engel des letzten Tages

8. April 2010

Ein schönes kleines Buch, melancholisch und gleichzeitig mit leisen Hoffnungsschimmern. Vier Engel, genannt Engel des letzten Tages, versuchen Menschen kurz vor ihrem Tod noch einen schönen Moment zu verschaffen, einen kleinen Traum zu erfüllen oder einfach sie noch einmal zum Lächeln zu bringen. Die Sinnlosigkeit und Zufälligkeit ihres Handelns beschäftigt sie und die Frage nach Gott. Diesmal sollen sie einem unscheinbaren Prager Fahrschullehrer seinen größten Wunsch erfüllen und eine Mutter begleiten, deren Sohn Selbstmord begehen wird.

Seit 25 Jahren sind Karel und Marie verheiratet und ihre  Sprachlosigkeit, ihre Gewohnheit und ihre Lieblosigkeit stehen stellvertretend für viele Ehen. Beide haben sich ihr Leben anders vorgestellt und sind nun in einem Alltag gefangen, der ihr früheres Selbst immer mehr zum Verschwinden bringt. Die stärkste Figur des Buches ist Esther, eine junge Ärztin, die vor kurzem ihren Mann verloren hat. Sie hat ihn bis zum Ende zu Hause gepflegt und versucht nun langsam wieder in ihr Leben zurückzufinden bzw. ein Leben ohne ihn leben zu können. Esther versteckt sich hinter ihrer Arbeit, weist alle Freunde ab, da sie nicht dasselbe erlebt haben wie sie. Sie erinnert sich wie sie und Thomas sich kennengelernt haben, ihre gemeinsamen Jahre und auch die letzten Tage. Aber auch die kleinen Schritte ihn ein Leben ohne ihn, kleine Lichtblicke, kleine Siege über das Aufgeben werden geschildert.

Die Menschen sind deutlich greifbarer als die „Engel des letzten Tages“.  Die Zweifel der Engel sind etwas zu gewollt, ihre Charaktere zu konstruiert,  ihre Aktionen bringen kaum etwas und sind stellenweise auch unlogisch. Trotzdem sorgen sie für die besondere Atmosphäre des Buches, denn die Engel sind die Erzähler.  Sie schildern den letzten Tag von Karel und den letzten Tag von einer Mutter mit Sohn. Durch diese Perspektive von außen, von nichtmenschlichen Wesen , bekommen die Menschen mehr Schärfe und Allgemeingültigkeit. Beispielhaft wird dem Leser vor Augen geführt, wie einsam Leben sein können. Wenn man länger darüber nachdenkt, haben auch  hoffnungslose, sarkastische Engel etwas. Engel, sonst die ultimativen Hoffnungsboten und Lichtbringer,  die den großen Plan nicht kennen und noch nicht einmal wissen, ob etwas dahinter existiert, haben auch ihren Reiz.

Insgesamt ist „Engel des letzten Tages“ ein bewegendes, nachdenkliches Buch, das den Menschen und den Dramen des Alltags ganz nahe kommt. Esthers Geschichte der Liebe und des Verlustes ist etwas besonderes.

Deuticke 2010, 126 Seiten

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