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Rolf Dobelli: Massimo Marini

5. Januar 2011

Ein Anwalt, der in der Psychiatrie sitzt, erzählt die ungewöhnliche Lebensgeschichte seines Mandanten. Die Geschichte von Massimo Marini, vom italienischen Immigrantenkind bis zum Baulöwen, vom linken Aktivisten zum Villenbesitzer, vom Philosophiestudenten zum Tunnelbauunternehmer. Und natürlich die Geschichte vom selbstbewussten Massimo und den Frauen.

Der Anwalt, in den 60ern, und an Depression leidend ist fasziniert von Massimos Energie, seiner sprudelnden Lebendigkeit und seinem Kampfgeist. Von diesem impulsiven, schöngeistigen Bauunternehmer voller Extreme. Der immer alles riskiert und immer auf der Grenze tanzt. So basiert die Übernahme des väterlichen Unternehmens zum Beispiel auf einem gefälschten Architekturdiplom. Massimo scheint alles erreicht zu haben, als er seine 20-jährige Ehe beendet und  die junge und überaus schöne Cellistin Julia heiratet. Doch das Geheimnis der unnahbaren Julia wird Massimo zum Verhängnis werden.

Locker und voller Luftigkeit erzählt Dobelli gekonnt die fesselnden Lebensgeschichten von Massimo und seinen Eltern. Besonders dramatisch ist vor allem die Geschichte von Massimos Eltern, die stellvertretend für die Geschichte so vieler Gastarbeiter steht. Vom Verbot der Heirat, des Nachzugs von Familie, vom ersten Wohnen in ehemaligen Kriegsgefangenenunterkünften, von den Arbeitsbedingungen, der Fremdenfeindlichkeit. So schmuggeln Giovanni und Giulietta zum Beispiel ihren Sohn in einem Koffer über die schweizerische Grenze und verstecken in neun Jahre lang in einem katholischen Kloster, um eine Chance zu haben unter schwersten Bedingungen eine Familie zu sein. Auch die Abstimmung über die Überfremdungs-Initiative 1970 wird zu einem dramatischen Ereignis, im Leben der Marinis. Zeit ihres Lebens haben seine Eltern sich krumm gearbeitet, in der knappen Freizeit noch die Gärten der Angestelltensiedlung gepflegt, damit ihr Sohn es besser hat. Doch Massimo möchte am liebsten diesem vorgefertigten Leben entkommen, dem Druck, den Erwartungen. Er fühlt sich zum Theater, der Philosophie, der Literatur hingezogen und hängt den von ihm verpassten 68ern nach.

Dobelli erzählt die Geschichte einer Familientragödie, von Verletzungen, Träumen, von Aufstieg und Fall. Der Anwalt, der mal bewundernd, mal mit ironischer Distanz, mal übertreibend, mal untertreibend, aber immer fasziniert erzählt, ist am Ende mehr in Massimos Geschichte verstrickt, als beide ahnen.

Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ 5 von 5 Herzen

Diogenes 2010, 376 Seiten

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