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Tom Rachman: Die Unperfekten

11. Oktober 2010

Mein Lieblingsbuch des Bücherherbstes 2010:

Eine fiktive internationale Tageszeitung in Rom und ihre Mitarbeiter, Verleger und Leser. Man ist mitten im Leben von Menschen mit Macken, Schwächen, Ängsten und unglaublicher Liebenswürdigkeit. Es geht um Liebe, Konkurrenz, Schicksalsschläge, Verschrobenheit und Einsamkeit aber vor allem um die Vielschichtigkeit des Lebens selbst. Diese Menschen sind nicht geschönt, sondern sie sind greifbare Charaktere, unperfekt wie wir alle, mal genial, mal verletzend, mal sich selbst belügend, aber immer authentisch.

Eine wunderbare Ansammlung faszinierender Charaktere angesiedelt in der Zeitungswelt. Jeder kommt zu Wort ob Chef-Redakteurin, Auslandskorrespondent, Text-Redakteurin, Chef-Korrektor, Reporter …  und natürlich die verschrobenste Leserin aller Zeiten. Jeder ist die Hauptfigur eines Kapitels und jeden trifft man in den Kapiteln der anderen wieder.

Da ist Arthur der Nachrufeschreiber und Spezialist im Nichtstun, der nach einem schweren Schicksalsschlag über sich selbst hinaus wächst und alle überrascht. Oder Hermann, der aufbrausende Chefkorrektor, der jeden Tag gerne ein Opfer zusammenstaucht und zu Hause dann ganz sanftmütiger Pantoffelheld, liebevoll für seine Frau kocht.

Hardy die scharfzüngige Wirtschaftsjournalistin, die sich selbst der Liebe wegen belügt. Oder der alternde Auslandskorrespondent Lloyd Burko, der daran verzweifelt, dass ihm die Frau abhanden gekommen ist und  der sich erfundene Zeitungsstories zusammenbastelt.

Ja und dann ist da zum Beispiel Ornella de Monterecchi, eine Frau die ihre geliebte Tageszeitung von vorne bis hinten liest und mittlerweile 13 Jahre hinter der wirklichen Zeit zurückliegt. Die rüstige 70jährige ist von ihrem Informationsstand immer noch mitten in den 90er Jahren, was zu einigen Verwirrungen und Komplikationen in ihrem Leben führt.

Eingeschoben zwischen die einzelnen Momentaufnahmen mitten aus dem Leben der Zeitungsmacher ist die Gründungsgeschichte der Zeitung um den Millionär Ott. Seine geheimen Beweggründe diese unwirtschaftliche Zeitung zu starten, die eigentlich viel mehr ein verborgenes Geschenk an eine alte Liebe ist.

Tom Rachman weiß, wovon er erzählt, er ist selbst gelernter Journalist, war unter anderem als Auslandskorrespondent der Associated Press tätig, oder als Redakteur der International Herald Tribune. Er entführt einen mitten in den täglichen Kampf um Titelstory und Einhaltung der Deadline, in die Krise der Zeitungsbranche und in all die kleinen Privatkriege am Arbeitsplatz Zeitung.

Sprachlich beeindruckend, voller toller Bilder und Sprachschöpfungen, mal direkt, mal humorvoll, mal bösartig, mal charmant. Man wünscht sich die Geschichten um die Zeitungsmacher würden immer weitergehen. Diese Offenheit mit den menschlichen Schwächen, das Entlarvende, Erfrischende dieses Buches, ja einfach diese herrlich unperfekten Menschen haben sich eingeprägt ins Gedächtnis der Leserin.

dtv 2010, 391 Seiten

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