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Franz Hackel: Buchenwald

8. Juni 2011

Bild - Gedicht der Woche

Kein Vogel pfeift
Im toten Wald;
Und Nebel streift,
Durchnäßt uns kalt.
Die Nacht ist blind;
Der Tag ist grau.
Wo ist ein Kind,
Wo ist eine Frau?

In schwarzen Buchen
Heult und höhnt der Wind …

Um Weimars Hügel tanzt der Schnee im Sturm.
Es grinst der schwarze Tod vom Wächterturm.

Zwölftausend Männer frieren beim Appell;
Im Mikrophon lärmt eine Stimme grell.

Zwölftausend Männern bellt der Ruf ins Ohr:
Sofort die Leichenträger an das Tor!

Um kahle Schädel tobt der Wintersturm.
Es grinst der Tod vom Wächterturm.

Kein Mitleid fällt uns an.
Woher auch Tränen nehmen
Auf diesem Berg,
In dieser Zeit?

Um dunkle Buchen,
kahl wie Besen,
Treibt der Sturm
Nebelfetzen.

Beim Appell werden Nummern verlesen,
Keine Namen.

Und wer am Morgen noch da war –
Ist am Abend vielleicht schon
Vergessen, gewesen.

Von diesem heißt es:
Ging über den Rost;
Von jenem:
Im Steinbruch erschossen.

Kumpel, Genossen!
Wir sind vergessene Leute
-Eine Stunde von Weimar-
In diesem heroischen Heute.

1941 im Konzentrationslager Buchenwald geschrieben

aus: Michael Moll, Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen – Gedichte aus Konzentrationslagern, Schüren Verlag 1991, Seite 45

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