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Valérie Dayre: Lilis Leben eben (ab 12 Jahren)

2. Mai 2010

„Lilis Leben Eben“ ist ein kluges, ungewöhnliches Buch, voller Überraschungen. Valérie Dayre trickst den Leser aus, spielt mit ihm und seiner Vorstellungskraft.

Die zwölfjährige Lili fährt mit ihren Eltern in den Sommerurlaub ans Meer. Langsam bewegen sie sich auf der gestauten Autobahn vorwärts, die Nerven liegen blank, endlich erreichen sie eine Autobahnraststätte. Doch als Lili aus der Cafeteria zurückkommt sind ihre Eltern samt Auto verschwunden.

Lili ist von ihren eignen Eltern auf der Autobahnraststätte vergessen worden, allein mitten in Frankreich in der kleinen Welt einer Raststätte. Sie freundet sich mit „Hund“ an, einem von seiner Familie ausgesetzten großen schwarzen Hund, der am liebsten Fleisch mit Soße aus dem Restaurant isst. Gemeinsam verbringen die beiden drei Wochen auf der Raststätte, ganz auf sich gestellt. Sie freunden sich mit Solange an, der Verkäuferin im Laden, die ihnen jeden Tag etwas schenkt. Die Küchenkräfte lassen Lili das Essen probieren und der Hund freut sich über die zahlreichen Würstchen, die den Kindern vor der Imbissbude herunterfallen. Lili schreibt Tagebuch: erzählt von ihren Erlebnissen mit Hund und Geschichten von Zuhause, von ihren Eltern. Von der Reise mit Hund auf die andere Seite, von dem magischen Wort Venedig, dass ihre Eltern brauchen, um ihren Alltag erträglich zu machen, von deren Doppelmoral. Von Oberflächlichkeit, Engstirnigkeit und den zahlreichen verblassten Träumen.

Aber es ist alles anders, als es scheint, es gibt zwei Enden, die auf alles ein komplett anderes Licht werfen. Es wird gespielt mit Wahrheit und Lüge, doch auch in den Lügen ist Wahrheit verborgen. Die großen Themen des Buches sind das Hinterfragen der eigenen Eltern, die Abgrenzung von ihnen und ihrem Leben. Es ist eine schrittweise Entzauberung der Eltern, die Lili vollzieht. Lili wird ein Stück erwachsener in diesem Sommer, ihre Geschichte ist spannend und nachdenklich zugleich.

Das besondere an diesem Buch ist die Story selbst mit den überraschenden Wendungen und Möglichkeiten, dem in die Irre führen des Lesers. Aber auch der Stil: humorvoll, phantasievoll, sarkastisch. Mit entwaffnender Direktheit schildert Lili ihre Umgebung und  ihre Familie. Für geübte Leser, die sich auf Lilis Phantasie einlassen können, ein besonderes Leseerlebnis.

Habe lange kein so kreatives, kunstvolles Jugendbuch gelesen, dass die Grenzen zwischen Wahrheit und Einbildung verwischt und etwas ganz neues schafft.

Carlsen Verlag 2005, 121 Seiten (mittlerweile als Carlsen Taschenbuch 2008)

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