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Erste Sätze

„Im Sommer wandern meine Gedanken immer ans Meer. Dort im hohen Seegras, wie Vogeleier zum Ausbrüten, sitzen wir, meine Schwester, meine Brüder und ich — das Gras über unseren Köpfen, unsere Arme und Beine nur stämmigere Ausgaben der sich im Wind wiegenden Halme —, und schauen hinauf in den blitzblanken Himmel.“ Polly Horvath: Unser Haus am Meer

„Der Tag, nach dem im Leben von Raimund Gregorius nichts mehr sein sollte wie zuvor, begann wie zahllose andere Tage.“ Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon

„Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um. Es war ein Sonntag. Eigentlich nicht der ideale Wochentag für Selbstmorde.“  Johanna Ardoján: Eine exklusive Liebe

„In jedem Sturm steckt ein Teufel. In einem sommerich flüchtigen wie auch in einem, der sich tagelang schwer aufs Land legt. Er versteckt sich vor Gott. Je ängstlicher er wird, desto kräftiger wirbelt er die Luft und die Erde auf.“ Catalin Dorian Florescu: Jacob beschließt zu lieben

„Nachdem wir um ein Haar ein Sommerhaus abgefackelt hätten, wurde beschlossen, dass meine Freunde und ich uns bis zum Schulbeginn im September nicht mehr sehen durften.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See

„Ich heiße Mina und ich liebe die Nacht. Nachts, wenn der Rest der Welt schläft, scheint alles möglich zu sein. Im Haus ist es dunkel und still, aber wenn ich die Ohren spitze, kann ich das Poch! Poch! Poch! meines Herzens hören.“ David Almond: Mina

„Bist du  mal auf einem anderen Stern gewesen? Ich schon. Auf sieben sogar.  Auf einem davon hätte ich beinahe den kleinen Prinzen getroffen .“ Glattauer/Hochleitner: Der Sternenblätterbaum

„Eine Weile nachdem er das Wort Pause ausgesprochen hatte, drehte ich durch und landete im Krankenhaus. Er sagt nicht: Ich will dich nie wiedersehen, oder: Es ist aus, doch nach dreißig Jahren Ehe reichte Pause, um aus mir eine Geisteskranke zu machen, in deren Hirn die Gedanken platzten, wild herumfuhrwerkten und voneinader abprallten wie Popcorn in einer Mikrowellentüte.“  Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

„Als David Pepin zum ersten Mal von der Ermordung seiner Frau träumte, trat er nicht selbst als Täter auf. Er träumte von höherer Gewalt im richtigen Augenblick.“ Adam Ross: Mister Peanut

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.“  Lew Tolstoi: Anna Karenina

„Was kannst du mir bieten?
Kannst du mir eine Hintergasse bieten, einen rauchgeschwängerten Tempel, wo weiß verschleierte Trauernde Opfergaben verbrennen und ihre Toten beklagen? Den kurzen hellen Schlag einer Tempelglocke? Das Klicken eines hölzernen Fischs?“ Alice Greenway: Weisse Geister

„Aliide Truu starrte die Fliege an, und die Fliege starrte zurück. “ Sofi Oksanen: Fegefeuer

Pierre Anthon verließ an dem Tag die Schule, als er herausfand, dass nichts etwas bedeutete und es sich deshalb  nicht lohnte, irgendetwas zu tun. Wir anderen blieben. Und auch wenn die Lehrer sich bemühten, rasch hinter ihm aufzuräumen – sowohl im Klassenzimmer als auch in unseren Köpfen -, so blieb doch ein bisschen von Pierre Anthon in uns hängen. Vielleicht kam deshalb alles so, wie es kam.“ Janne Teller: Nichts

„Es gab einmal einen Tag, da habe ich es geglaubt: Ich schaute die Regale unserer Buchhandlung an und sah das Wort Liebe von einem Buchdeckel zum nächsten wandern, über alle Bücher, die im Laden waren.“   Roberto Cotoroneo: Diese Liebe

„Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier. Das Ticken einer Uhr. Das Knarren der Holzdielen, als er sich aus dem Zimmer schob —  alles ertrank in ihrer Stille. Aber Jacob liebte die Nacht. Er spürte ihre Dunkelheit wie ein Versprechen auf der Haut. Wie ein Mantel, der aus Freiheit und Gefahr gewebt war.“  Cornelia Funke: Reckless — Steinernes Fleisch

„Andrew Harrington wäre gerne mehrere Tode gestorben, wenn er sich unter all den Pistolen, die sein Vater in den Vitrinen des Salons aufbewahrte, nicht für eine einzige hätte entscheiden müssen.“ Felix J. Palma: Die Landkarte der Zeit

„Als meine Tochter Sulfia mir sagte, sie sei schwanger, wisse aber nicht, von wem, habe ich verstärkt auf meine Haltung geachtet. Ich hielt meinen Rücken sehr gerade und die Hände würdevoll im Schoß gefaltet.“ Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

„Liebe Skarlet, das ist ein Brief aus dem Jenseits, aber Du bis eine der ganz wenigen, denen ich zutraue, mit der makabren Situation umzugehen.“ Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre

„Es war bitter kalt und die Luft mit all dem aufgeladen, was noch geschehen sollte. Punkt vier Uhr nachmittags war die Welt vollkommen erstarrt.“ Robert Goolrick: Eine verlässliche Frau.

„Laurids Madsen war im Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder heruntergekommen. Er war nicht bis hoch zum Masttopp geflogen, eher so auf die Höhe der Großrahe eines Vollschiffs. Er hatte am Tor zum Paradies gestanden und den heiligen Petrus gesehen, doch es war nur der Arsch, den der Hüter der Pforte zum Jenseits ihm gezeigt hatte.

Laurids Madsen hätte tot sein sollen. Aber der Tod hat ihn nicht gewollt, und so wurde er ein anderer.“    (Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen)

„Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut.“      (John Banville: Die See)

„Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum anderen aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde wiederfahren könne  als dereinst der Tod.“   (Patrick Süskind: Die Taube)

„It is a truth universally acknowledged that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.“   (Jane Austen: Pride and Prejudice)

„Am Anfang war eine Landschaft. Der Hintergrund ein Zypressengrün, ein schmaler Streifen von kristallen-leuchtender Leere. Dann eine Brücke, sie führt über einen Abgrund, über eine Schlucht, einen tiefliegenden Bach. “        (Christoph Hein: Der fremde Freund)

„Die hübschen Wachsmädchen hinter den Vitrinen lächelten ihr Lächeln von gestern in die Hauptstraßen.“ (Claire Goll: Die Schneiderin)

„Alles war ganz normal. Auf der Straße liefen normale Leute mit normalen Nasen und normalen Ohren herum. Die Autos hupten normal, und die Flugzeuge  dröhnten über die Dächer ohne dass sich jemand darüber wunderte. Es war ein Tag, an den sich niemand erinnern würde, weil alles so schrechlich normal war. Bis sich ein kleiner Vogel auf Florians Kopf niederließ. Das änderte die Lage.“      (Guus Kuijer: Ein himmlischer Platz)

„Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind. Als ich mich einschiffte kannte ich dieses grausame Gesetz bereits. “      ( Albert Sanchez Pinol: Im Rausch der Stille)

„Als Einzelkind hatte ich lange Zeit einen Bruder. Meine Ferienbekanntschaften, meine Spielgefährten mußten mir aufs Wort glauben, wenn ich ihnen dieses Märchen auftischte. Ich hatte einen Bruder schöner als ich, stärker als ich. Einen älteren Bruder, erfolgreich und unsichtbar.“        (Philippe Grimbert: Ein Geheimnis)

Aufblende… DONALD DELPE. Vierzehn. Magerer Junge, Schultern dürr wie ein Kleiderbügel. Schräger Vogel. Keine Augenbrauen, keine Haare…. Strickmütze tief in die Stirn gezogen, Stöpsel in den Ohren, iPod voll aufgedreht, ist er unterwegs durch die wolkenverhangene Stadt. Wut ist seine Standardeinstellung, Wehmut auch.“    (Anthony McCarten: Superhero)

„DIE MEISTEN MÄNNER mit denen Glass Affären hatte, bekam ich nie zu Gesicht. Sie kamen spätabends nach Visbible oder nachts, wenn Dianne und ich längst schliefen. Dann schlugen Türen, und unbekannte Stimmen mischten sich in unsere Träume.“     ( Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt)

„Die Insel vor ihm hatte die Farbe des Sandsteins, den man hier brach. Das Land in seinem Rücken entließ seine Hügel ins Licht. Es war eine buckelnde Herde , die vor der aufsteigenden Sonne davon kroch, spärliche Haine, gewundene Terrassen, Gärten aus Geröll. Auf den Spuren der Dämmerung wanderten Schatten wie dunkle Wolken über das Land.“   (John von Düffel: Houwelandt)

„Ich heiße India Opal Buloni und letzten Sommer schickte mich mein Vater, der Prediger, in den Supermarkt, um eine Packung Makkaroni mit Käsesauce, etwas Reis und zwei Tomaten zu kaufen. Zurück kam ich mit einem Hund.“   ( Kate DiCamillo: Winn-Dixie)

„Irgendwo in einer der vielen Legendenbanken, die überall errichtet wurden, um das Bedürfnis der Welt nach Geschichten zu stillen, muss auch die Mär zu finden sein, nach der man bei Ankunft im Totenreich ein Merkmal nennen muss, ein einziges nur, das das gesamte vergangene Leben charakterisiert.“   (Dimitri Verhulst: Madame Verona steigt den Hügel hinab)

„Mein Vater war eine Sturzgeburt. Er und ein Pelzmantel wurden Opfer der Bridgeleidenschaft meiner Großmutter, die, obwohl die Wehen einsetzten, unbedingt noch die Partie fertigspielen mußte. Bis auf ein einziges dramatisches Mal hat meine Großmutter alle Partien ihres Lebens fertiggespielt, denn eine Partie in der Mitte abzubrechen war unzumutbar.“ (Eva Menasse: Vienna)

„Zuerst die Farben.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise. Ich versuche es zumindest.“   ( Markus Zusak: Die Bücherdiebin)

„Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keine brauche ich mich zu schämen. Ich will Vladim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben.“   (Alina Bronsky: Scherbenpark)

„Die Zeit ist eine blinde Führerin. Ich war ein Junge des Sumpfes. Ich tauchte in die schlammigen Straßen der ertrunkenen Stadt.“   (Anne Michaels: Fluchtstücke)

„Das weiche Ungefähr dämmernden Wintermorgen-Lichtes gab den Raum in Grau.“   (Erna Gerlach: Michael)

27. Oktober 2011

2 Kommentare zu “Erste Sätze”

  1. am 15. März 2010 um 11:37 1.Sarah schrieb …

    „Bald wirst du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.“ (André Gorz: Brief an D.)

  2. am 16. Oktober 2010 um 14:25 2.Arne schrieb …

    Leicht war es nicht, sechs Milliarden gebrochene Herzen zu flicken. Doch ich schaffte es.
    So lautet die erste Zeile des Buches, das ich eines Tages schreiben werde. Es wird das beste Buch aller Zeiten sein und auf meiner Lebensgeschichte beruhen, gescheiter als jede Boulevardzeitung und mindestends so sexy wie die Bibel. Oprah Winfrey wird es weiterempfehlen.
    (Joey Goebel: Freaks)

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