oben-rechts
mitte-rechts
unten-rechts

Schöne Stellen zitiert

 „>>Dawn<<, sagte ich. >>Es ist verrückt, aber weißt du was, es ist auch verrückt, dass du mich verlassen hast, weil du zu viel Angst vor Mutter und Vater gehabt hast (…) Und es ist verrückt, dass die besten Freunde, die ich auf der Welt habe, diese Hühner sind, und ich sie jetzt verlassen muss, egal bei wem ich leben werde. Aber ich glaube, das Verrückteste ist, dass alles, was ich kenne, sich verändern wird, und dass ich nichts tun kann, um das aufzuhalten. Wenn also um mich herum alles verrückt ist, warum kann ich dann nicht was Verrücktes tun, um Entscheidungen zu treffen?<<“ Jacques Couvillon: Chicken Dance S. 326

 „Manchmal fühlt man sich in dem Moment am gemeinsten, in dem man aufhört, gemein zu sein. Es ist, als würde man das Licht einschalten und erst dann bemerken, wie dunkel es im Zimmer geworden war. Und das, was man normalerweise tat, das, was man immer getan hatte, erschien wie ein ins Scheinwerferlicht getauchter Geist, den zuvor jeder verleugnet hatte, obwohl alle ihn sehen konnten.“ Rebecca Stead: Du weißt, wo du mich findest S.171f.

 „Mam sagt immer, dass jeder einen Schleier trägt, der ihn von der Umwelt trennt, wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag, nur dass dieser Schleier unsichtbar ist. Wir wandern zufrieden mit diesem Schleier vor dem Gesicht durch die Welt, die durch den Schleier ein bisschen verschwommen aussieht. Genauso mögen wir es. Aber manchmal wird dieser Schleier für eine kurze Zeit weggeweht, als ob ihn ein Windstoß lüftet. Und wenn dieser Schleier nicht mehr vor unserem Gesicht hängt, sehen wir die Welt, wie sie wirklich ist, nur ein paar Sekunden lang, ehe sich der Schleier wieder senkt. Wir sehen die ganze Schönheit, die ganze Grausamkeit, die Traurigkeit und die Liebe. Aber meistens sind wir ganz glücklich darüber, dass wir all das nicht erkennen können. Manche Menschen lernen, den Schleier nach Belieben zu lüften. Dann sind sie nicht mehr von einem zufälligen Windstoß abhängig.“ Rebecca Stead: Du weißt, wo du mich findest S. 87

„Es geht um die Zukunft unseres Sohnes. Ich habe Michel gesagt, dass er versuchen muss, Beau zur Vernunft zu bringen. Und falls ihm das nicht gelingt, müsse er das tun, was ihm am besten erscheint. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht einmal wissen müsse. Nächste Woche wird er sechzehn. Seine Mutter muss ihm nicht immer sagen, was er zu tun hat und zu lassen hat. Er ist alt und klug genug um selbst zu entscheiden.“ Herman Koch: Angerichtet S. 285

„Wenn ich Glück definieren müsste, dann bestimmt so: Glück genügt sich selbst, es braucht keine Zeugen. (…) Unglück ist immer auf der Suche nach Gesellschaft. Unglück erträgt keine Stille — vor allem nicht dieses unangenehme Schweigen, das aufkommt, wenn es alleine ist.“ Herman Koch: Angerichtet S. 11f.

„beneidet den halb verblühten Flieder in der großen Vase, der noch als Sterbender trinkt, obwohl es das doch nicht gibt, dass Sterbende trinken. Er lächelt, wenn er solche Sachen schreibt, als müsse er nur immer weiter schreiben, um weiter zu leben… Seit einigen Tagen fällt ihr auf, dass Robert die Zettel sammelt; wenn Franz nicht schaut, steckt er sie heimlich ein … Sie versucht sich zu zwingen, wenn sie sieht, wie er sich quält, dass sie alles hatten, in dieser gedrängten Zeit, das ganze Glück. Doch wenig später möchte sie nur schreien, weil es nicht mal ein Jahr gewesen ist.“ Michael Kumpfmüller: Die Herrlickeit des Lebens S. 223

„Hast du Kummer? … Kummer ist das falsche Wort. Sie hat die Erfahrung gemacht, wie leicht man sich verletzen kann. Auch verletzt ist das falsche Wort, denn fast begrüßt sie es, dass er sie verletzen kann, ja, könnte er sie sehen, würde sie ihm sagen, schau, das hast du aus mir gemacht, selbst das erlaube ich dir…“ Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens 

 „Sie kann nicht mehr, schreibt sie. Ich sollte dir das nicht sagen, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht mehr lange kann. Ich werde hässlich ohne dich, ich streite mich mit Judith, die ungeduldig wird, weil ich so fahrig bin, so ohne dich. Ich stolpere die ganze Zeit, schneide mich mit dem Messer, weiß deinen Namen nicht mehr, deinen Geburtstag, deine Küsse. Bitte komm, schreibt sie. “ Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens S. 76

„Er ist mutiger geworden an ihrer Seite. Oder war er erst mutig und dann an ihrer Seite? Er hätt gerne Kinder mit ihr gehabt. Ist es übrigens nicht seltsam, dass das Wünschen und Fragen bis zuletzt nicht aufhört?“ Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens  S. 230

 „Als hätte sie Juckreiz, zuckt und zappelt meine Seele in meinem Körper herum, damit ich diesen Sommer etwas anderes mache als im Brackwasser zu waten, zu lesen und Sandburgen zu bauen. Ich will etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, also ein Abenteuer. Den Schritt ins Ich-weiß-nicht-was. Ich will es so unbedingt, dass ich Maya gegenüber unwillig werde, die noch zu klein ist, um mich zu verstehen. In mir zuckt und zappelt es ganz allein.“ Polly Horvath: Unser Haus am Meer S. 12

„Fort, vorbei an den Planeten, weit fort von Uranus und dem Rand unseres Sonnensystems, bis hinein ins hell erleuchtete Dunkel, wo alles beheimatet ist, von dem wir noch nichts wissen. Fort, vorbei an meiner Kindheit, vorbei an der Geisterwelt, hinaus ins offene Meer der Sterne. So wie die silbrigen Tüllgardinen an meinem Fenster zurückgezogen werden, um Licht einzulassen, so zieht der Mond die Schichten des Jahres behutsam zurück, um sein Herzstück bloßzulegen. So steht mir der Sommer vor Augen.“  Polly Horvath: Unser Haus am Meer S. 10 

„Unsere Körper verursachen Strudel und Fahrwasser in der Luft, wenn wir von einem Karussell zum anderen laufen oder mitfahren, und die Karussells sind Bewegung und unser Atem ist Bewegung, und die ganze Zeit schlägt der Ozean ans Ufer, immer vor und zurück, vor und zurück … Wir sind mächtiger als das Meer, wird mir plötzlich klar, wir können unsere Wege wählen, ganz anders als die Gezeiten, die ihre vorgeschriebene Bahn nicht verlassen können.“ Polly Horvath: Unser Haus am Meer S. 21

„… she’d left everything behind — her diary, her clothes, everything. It didn’t matter. She hadn’t run away, she’d run to, and here she was, waiting for herself. She could feel her own ground under her boots again. … It was a good day. It was a day just for her. She could feel bits of herself opening up and coming out of hiding again. “ Terry Pratchett: Wintersmith S. 334f.

„A witch ought never to be frightened in the darkest forest, Granny Weatherwax had once told her, because she should be sure in her soul that the most terrifying thing in the forest was her.“    Terry Pratchett: Wintersmith S. 296

„When we step out together into the wet street, holding hands, there is a tang of glory in the air…  Strange, how such a moment grows in value over a marriage’s course. We gratefully pocket each of them, these sidewalk pennies, and run with them to the bank as if creditors were banging on the door. Which they are, one comes to realise.“ Joseph O’Neill: Netherland S. 242

„Here was an irony of our continental separation (undertaken, remember, in the hope of clarification) : it had made things less clear than ever. By and large, we separators succeeded only in separating our feelings from any meaning we could give them. That was my experience, if you want to talk about experience. I had no way of knowing if what I felt, brooding in New York City, was love’s abstract or love’s miserable leftover. The idea of love was itself separated from meaning. Love? Rachel had got it right. Love was an omnibus thronged by a rabble. And yet we again climbed aboard, she and I.“   Joseph O’Neill: Netherland S. 291

„I felt shame — I see this clearly, now — at the instinctive recognition in myself of an awful enfeebling fatalism, a sense that the great outcomes were but randomly connected to our endeavours, that life was beyond mending, that love was loss, that nothing worth saying was sayable, that dullness was general, that disintegration was irresistible. I felt shame because it was me, not terror, she was fleeing.“   Joseph O’Neill: Netherland S. 37

„Die Wörter Rea und Milwaukee schrumpfen zu kleinen harten Angstklumpen. Ich bin voll mit diesen Kugeln, die mich von innen ausbeulen und verformen, so daß ich in alle Richtungen auseinanderzubrechen drohe. Jede einzelne dieser Kugeln ist ein selbstständig funktionierender Organismus. Sie bekriegen sich gegenseitig, denn jede will mich ganz. Die Lucy-Angstkugel ist die größte, manchmal verschwindet sie, aber jetzt ist sie wiederaufgetaucht und wächst und bekriegt die anderen.“ Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer S. 109

„Plötzlich wankte der Boden unter meinen Füßen, als ginge ich auf dem Rücken eines schnaubenden Tieres, das sich gerade aufrichtet. Der Himmel drohte aufzugehen, und auf einmal war es hart unter mir, und ich versuchte mich auf den kleinen rötlichen Punkt links unter Lucys Mundwinkel zu konzentrieren, aber ihr Gesicht, das sich über mich gebeugt hatte, brach schwarz auseinander.“ Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer S. 51

 „Sie regte sich nicht. Ich trat gegen die Tür, die sich auch nicht bewegte, als ich fluchend dagegenrannte. Das Mütterbündel, das ich durch das kleine Fenster anstarrte, lag da und schwieg. Das winzige, kaum sichtbare Bebeb des Atems in ihrem Körper war das einzige Lebenszeichen (…) Schließlich drohte ich ihr mit eisernen Stimme, die Ärzte einer psychiatrischen Klinik zu holen und nach ihrer Einlieferung das Haus in Brand zu stecken. Sie blieb bewegungslos, stumm, mit dem Gesicht nach unten auf dem Laken. Von Zorn gepackt, rannte ich in den Garten, nahm die Schaufel, die an einer Mauer lehnte, und zertrümmerte die Kellerfenster. Das helle Klirren der zerspringenden Scheiben erfüllte während langer Sekunden die Luft.  (…) Während Lucy am Tisch saß und weinte, schnitt ich verbissen, mit zitternden Knien, das Brot für unser Abendessen.“   Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer s. 24

„Sie sagte, daß die einen Mann, Alois, getroffen haben, den sie liebe, so wie sie einmal meinen Vater geliebt habe, und daß sie mit ihm fortgehen werde, für immer. Überall, wo ich hinsah, waren diese gelben und roten Blütenköpfe, die einen Duft ausströmten, der mich schwindelig und müde machte. Ich drehte mich zur Seite; das Ohr auf den Boden gepreßt, hörte ich ein Summen und Knistern, als bewege sich da etwas tief unter der Erde, während ich ihren weit entfernten Mund weiterreden sah und ihre Augen, die in den Himmel schauten, der wie eine greifbare blaue Scheibe über uns schwebte.“ Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer S. 15f.

Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben, lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, daß wir ihn verstanden haben.“ Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 398 

„Der Grieche hatte genickt, es schien ihn nicht zu überraschen. Manchmal fürchtet man sich vor etwas, weil man sich vor etwas anderem fürchtet.“ Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 61

Warum bedauern wir Leute, die nicht reisen können? Weil sie sich, indem sie sich äußerlich nicht ausbreiten können, auch innerlich nicht auszudehnen vermögen, sie können sich nicht vervielfältigen, und so ist ihnen die Möglichkeit genommen, weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes sie auch hätten werden können.“ Amadeo de Prado in: Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 286

„Vielleicht war es einfach, daß sie nicht geblendet war von ihm, nicht überwältigt wie alle anderen. Vielleicht war es das, was er brauchte: daß jemand ihm mit selbstverständlicher Ebenbürtigkeit begegnete, mit Worten, Blicken und Bewegungen, die ihn durch ihre Natürlichkeit und Unauffälligkeit von sich selbst erlösten. “ Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 180 

„Sie und ich, wir sind beide Bewunderer von Marc Aurel, und Sie werden sich an diese Stelle aus seinen Selbstbetrachtungen erinnern: >> Vergeh dich ruhig, vergeh dich an dir selbst und tu dir Gewalt an, meine Seele; doch später wirst du nicht mehr die Zeit haben, dich zu achten und zu respektieren. Denn ein Leben nur, ein einziges, hat jeder. Es aber ist für dich fast abgelaufen, und du hast in ihm keine Rücksicht auf dich selbst genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um andere Seelen … Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangsläufig unglücklich.<<“  Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 43

„Gregorius hatte früh gelernt, daß sie sehr zerbrechlich war, diese Sicherheit (… ) Aber er hatte darunter gelitten, daß der Vater keiner war, auf den man sich stützen, an dem man sich festhalten konnte (…) Die Sicherheit, die er vermißt hatte, war nicht etwas, das einer in der Hand hatte, so daß man ihm das Fehlen vorwerfen konnte wie eine Verfehlung. Es mußte einer Glück haben mit sich selbst, um ein sicherer Mensch zu werden. Und viel Glück hatte der Vater nicht gehabt, weder mit sich selbst noch mit anderen.“ Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon S. 42

„Aber er, Bernard, und viele andere seiner Generation hatten sich gerühmt, daß ihr Herz unbeständig, wankelmütig war, zu groß, so dachten sie, um sich mit einer einzigen Liebe, einer einzigen Frau, einem einzigen Gott zu begnügen.“ Irène Némirosvky: Feuer im Herbst S. 250

„Derjenige, der bei ehelichen Streitigkeiten als erster gesagte hat: <<Wir sollten uns besser trennen>>, spürt sofort, daß er einen Mord begangen hat: es war noch Liebe zwischen den Gatten, und diese Worte haben sie getötet. Nichts mehr wird ihr wieder Leben einhauchen können; da die Liebenden zugegeben haben, daß sie sterben kann, ist es geschehen: sie ist nur noch ein Leichnam.“ Irène Némirovsky: Feuer im Herbst S. 178

„<Ach, die Liebe, wie dumm sie uns macht … Sie wird ihn nicht halten können>, (…) Sie ist zu jung. Sie weiß nicht, daß die Zeit alles heilt, alles auslöscht. Sie weiß nicht, daß ihr Bernard sich verändern wird, wie sie selbst. Wenn sie lange leben, werden sie zweimal, dreimal ihre Seele und ihren Körper wechseln, vielleicht noch öfter. Sie kann den Bernard von heute nicht festhalten. Soll sie ihn in Ruhe lassen, soll sie ihn vergessen. Morgen wird ein anderer Bernard kommen. Ich müßte ihr das alles erklären …“ Irène Némirovsky: Feuer im Herbst S. 175

„Ich glaube nicht mehr an Katastrophen, da die letzte fehlgeschlagen ist. Ich glaube nicht mehr an das Unglück, auch nicht an den Tod. Die ganze Menschheit ist in der geistigen Verfassung eines Kindes, dem der schwarze Mann keine Angst mehr macht.>>  Irène Νémirovsky: Feuer im Herbst S. 114

„Er erkannte das französische Volk nicht wieder. Es hatte eine neue Sprache, die nicht mehr der Argot der Jahrhundertwende war, sondern in der es von angelsächsischen Termini wimmelte, es gab neue Sitten, und vor allem riefen bestimmte Wörter in ihm nicht mehr dieselben Reaktionen hervor wie früher. Die heiligsten Wörter: <<Sparsamkeit … Eheliche Ehre … Jungfräulichkeit …>> kamen nach und nach aus der Mode,wurden fast lächerlich.“ Irène Némirovsky: Feuer im Herbst S. 73

„Diese Herren mit den riesigen Vermögen, das sie mit Munition, Verproviantierungen, Kriegslieferungen erzielt hatten (…) Es gibt Leute, die Millionen verdienen, während unsere Söhne … Das sind keine guten Franzosen … Es sind keine Patrioten, sondern … das Geld …>> Noch sagte man nicht: <<Das Vergnügen …>> Das hätte man nicht gewagt. Und im übrigen war es dem Kleinbürgertum von jeher als ein  beinahe mißtönendes Wort erschienen. Man vergnügte sich nicht, amüsierte sich nicht in einer <<anständigen>> Welt, unter <<anständigen>> Leuten. Nein, niemand hätte gewagt, von Vergnügen zu reden, und doch flüsterte man von Mund zu Mund, daß in Paris selbst, unter Bomben, in bestimmten Vierteln, in  Kellern, die nur für Eingeweihte geöffnet waren …“ Irène Némmirovsky: Feuer im Herbst S. 72

„Er war zweiundzwanzig Jahre alt. Bei der Kriegserklärung war er achtzehn gewesen, neunzehn in den Argonnen, zwanzig in einem Lazarett in Marseille, einundzwanzig auf der Höhe Mort-Homme. Er war gealtert ohne, Zeit zum Reifen gehabt zu haben … Seelisch war ihm eine Wunde beigebracht worden, die nichts mehr würde heilen können und die sich jeden Tag seines Lebens vergrößern würde: Es war eine Art Mattigkeit, ein Mangel an Zuversicht, die Erschöpfung und ein wilder Lebenshunger.“ Irène Némirovsky S. 67

„Die Damen sprachen über den Krieg: <<In den Schützengräben ist man fröhlich>>, sagten sie. <<Die Soldaten sagen, sie würden sie mit Bedauern verlassen; sie haben sie hergerichtet und komfortabel gemacht; sie haben Nischen darin gegraben, in denen man sehr gut schläft …>> S. 48 

<<Wenn mein Sohn zu Ihnen geschickt wird, kümmern Sie sich dann um ihn?>> (Sie stellte sich die Front wie eine Art Gymnasium vor, in dem die Großen die Kleinen verteidigen und vor den ungerechten Angriffen der Deutschen schützen konnten.“ Irène Némirosvky: Feuer im Herbst S. 51

„Sicher … das kleine Wort erleuchtete mit einem Mal seinen Geist. Was ihn hatte erzittern lassen, war nicht der Beginn eines Schnupfens … sondern etwas Inneres, das nichts mit dem Körper zu tun hatte … Eine Besorgnis. Nein, das Wort war zu stark. Eine Traurigkeit … Das war es, plötzlich war er traurig. Den ganzen Tag über hatte er gestrahlt, und plötzlich … Von dem Gewitter, das in diesem Augenblick alle Regierungen Europas erschütterte, wußte der einfache Sterbliche nichts, aber er nahm in diesen hohen Sphären eine Art Erregung, Fieber wahr, ein Zusammprallen gegensätzlicher elektrischer Ströme, die ihn hin und wieder berührten, so wie man die Schafe, sogar im Schutz ihrer Ställe, furchtsam den Kopf heben sieht, wenn ein Unwetter tobt. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers … Die Menschenmengen vor zwei Tagen (…) Wort, Gerüchte, Klatsch, Worte … ein Wort … Aber ein Wort, das glücklicherweise nicht aus unserem Jahrhundert stammte.

<<Es richt nach Pulver>> … <<es richt nach Krieg…>>“   Irène Némirovsky: Feuer im Herbst S. 26f.

„Aber Jana, das wusste sie, würde nicht vorsichtig sein, es gab nichts zum Vorsichtig-Sein. Man musste Mut beweisen, Mut, immer wieder, und vielleicht öffnete  erst dann sich das Leben und wurde dicht und klar. “ Gabi Kreslehner: Und der Himmel rot S. 139

„Darm senkte den Kopf, kaute noch ein bißchen, schluckte und legte die Gabel auf den Tisch, ganz leise, ganz vorsichtig. Dann − verschwand er.

Man kann es nicht besser sagen — er verschwand. Wie eine Fledermaus. Hinein in ein Dunkel, in eine Nacht. Ließ nur seinen Körper zurück und Muskat, verblüfft, verärgert auch, rüttelte an diesem Darm, an dieser Hülle, aber nichts. Nichts.“  Gabi Kreslehner: Und der Himmel rot S. 30

„Niemand liebt mich, man kann mich nicht lieben: Das ist meine tiefste Überzeugung, zugleich meine größte Angst, und wenn ich ihr bis ganz hinab folge, führt sie mich zu dem Gefühl, das mir vertraut ist wie kein anderes: Ich bin ganz allein …

Es ist als hätte Erzsi mir einen Schatz geschenkt. Was für eine Neuigkeit — meine Großmutter fühlte wie ich? … Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin nur die Enkeltochter meiner Großmutter. Sie hatte es auch. Sie war wie ich.  Ich bin wie sie.“ Johanna  Adorján: Eine exklusive Liebe S. 55

„Und plötzlich verstehe ich auch die Liebe meiner Großmutter, die so ausschließlich war, so bedürftig, so groß und letzlich bedingunsvoll: Beweise mir, dass ich mich irre; beweise mir, dass ich doch liebenswert bin, dann werde ich für immer bei dir sein, ich werde dir folgen bis in den Tod.“  Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe S. 55

… denn er bringt
Die Hölle in sich selbst und um sich mit,

Und nicht vermag er aus der Höhle sich,

So wenig als sich von sich selbst , zu lösen,

Nicht einen Schritt, wo er sich auch befinde …

Wohin ich flieh, ist Hölle, ich bin Hölle.

Einen Moment lang verzerrten Wut und Verzweiflung Tom Leytons Gesicht. Es war, als hätte Joseph durch einen Türspalt hindurch etwas erspäht, was für niemandes Augen bestimmt war.“ Michael Gerard Bauer: Running Man S. 133

„>>Vielleicht siehst du ja nur … einen Teil des Mannes … und das ist womöglich nicht das, was er ist … oder war … oder sein könnte. Es mag nicht einmal das sein, was der Mann selbst sein möchte. Aber manchmal  … gerät ein Mensch in eine Falle und kann sich nicht mehr rühren und erstarrt in dieser Haltung für immer … wie ein Insekt in Bernstein. Und nur so werden die anderen Menschen ihn für alle Zeit sehen. Nach einer Weile … sieht auch er selbst sich so … nur noch so … und er schafft es nicht, sich zu befreien … (…)

Jeder lädt im Laufe der Jahre … eine Last auf, die er dann für den Rest des Lebens mit sich herumschleppen muss. Doch manchmal wird diese Last zu schwer, zu schrecklich, sie überwältigt den Menschen – und irgendwann ist er nur noch diese Last, sein ganzes Leben dreht sich nur darum, wie er sie tragen soll. Und niemand sieht mehr den Menschen, niemand weiß auch nur, dass er noch da ist, unter seiner Last …<< Michael Gerard Bauer: Running Man S. 161

„>> Er hat es für mich getan … wegen Dad und allem … als so eine Art Zeichen … dass ich  nicht die Hoffnung aufgeben sollte. Es sei ein Wunder, hat er gesagt.<< Michael Gerard Bauer: Running Man S. 256

„Als er in die dunklen Höhlen von Tom Leytons Augen geblickt hatte, war ein Gefühl darin aufgeblitzt, bevor ein kalter Schatten sich wieder auf sie legte. Auf ein loderndes Feuer aus Hass oder Wut oder auch nur eine siedende, nicht näher benennbare Bosheit darin wäre er besser vorbereitet gewesen. Doch es war etwas völlig anderes. Aus Tom Leytons Augen hatte Furcht gesprochen, und Joseph, der so nervös vor diesem Mann herumhampelte, hatte verwundert begriffen, dass er selbst der Grund dafür war.“ Michael Gerard Bauer: Running Man S. 66

„An jenem Hochsommermorgen Ende Juli ertrank ich in der blauen Suppe des Himmels.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See S. 409

„Doch da war niemand, außer den beiden Geistern, die mir jetzt folgten: eine kleine, zierliche Gestalt mit einem roten Scherenkranz, der bei jedem Schritt leise klapperte, und eine große, kräftige, die einen duftenden Fichtenkranz mit leuchtend roten Beeren in der Hand hielt, durchwoben von Gebeten.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See S. 308

„Ich schloss dei Haustür.>>Du hast deine Träume<<, sagte ich erneut. >>Und ich habe meine.<< Doch ein Teil von mir wusste, dass sie recht hatte. Ich musste mehr raus. Vielleicht konnte ich es ja sogar wagen, mal meinen eigenen Weg zu gehen, ohne mir Sorgen zu machen, dass jemand umkippte oder Gott weiß wohin verschwand.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See S. 313

„Den ganzen Tag lang fragte ich mich, wie viele von uns wohl in ihrem tiefsten Innern das Gefühl hatten, nur eine Handbreit von dem entfernt zu sein, was Virginia zugestoßen war. Mir ging es jedenfalls so. Es war gut, dass Grand mich liebte, denn in dem Frühjahr, als ich vierzehn wurde, hätte mir jeder andere einen Zentnersack Zement ans Bein gebunden und mich im Meer versenkt.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See S. 200

„Ich stellte mir seine einsame, rastlose, magere Gestalt vor, die über die dunklen Straßen wanderte, seine Schritte, die auf dem Kies knirschten oder über den Asphalt schlurften. >>Findest du mich verrückt?<<, fragte er. Ich wandte mich zu ihm um.

Wir sahen uns an und erkannten beide gleichzeitig, dass etwas anders war. Wir hatten uns immer wie durch Wasser gesehen, durch eine wellige, flüssige, sichere Distanz. Doch in dem Moment, dort im Auto, verdunstete das Wasser und wurde zu Luft, klar, trocken und wahrhaftig. >>Nein, ich finde dich nicht verrückt<<, sagte ich, und mein Herz stieg auf wie ein weißer Luftballon.“ Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See S. 148

„Er lächelte sie an. Es war kein liebes und sanftes Lächeln, sondern eins, das sie dort traf, wo all ihre Träume geboren wurden. Es war in ihrem Kopf und in ihrem Herzen, in ihrem Körper und in ihrem Blut, und sie wusste, dass trotz allem alles gut war.“ David Almond: Mina S. 206

„Sie legt den Arm um meine Schulter. Wir schauen zu, wie die Sterne an Leuchtkraft gewinnen. Wir stehen auf und gehen langsam weiter. Immer weiter den Weg entlang.

>>Wenn man erwachsen wird<<, sage ich, >>hört man dann irgendwann ganz auf, sich klein und schwach zu fühlen?<<

>>Nein<<, sagt sie. >>Ein Teil von dir, tief im Inneren, bleibt immer zerbrechlich und klein, egal, wie groß und erwachsen du bist.<<

>>Wie ein Baby?<<, frage ich.

>>Ja, oder wie ein kleiner Vogel, da drin im Herzen<<, sagt sie . >>Und eigentlich ist dieser Teil auch gar nicht schwach. Wenn du ihn je vergisst, steckst du in großen Schwierigkeiten.<< David Almond: Mina S. 238

„>>Schade, dass ich wirklich bin. Drum kann ich nicht in mein kleines Haus gehen und drin wohnen!<<

Ich erinnerte mich, erinnerte mich an jene Schwellenwelt des Beinahe, in der sich Wünsche fast verwirklichten. Konnte es sein, dass sich meine Puppen nachts regten? Hatte sich der Löffel selbsttätig ein paar Milimeter bewegt? Hatte meine Hoffnung ihn verzaubert? Wirkliches und Unwirkliches wie spiegelbildliche Zwillinge, so nah beieinander, dass beide lebendigen Atem verströmten. Auch etwas Angst.“ Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer S. 37

„Er klackt mit den Zähnen, und ich sah auf meine Schuhe und fragte mich allmählich, ob jemand, der sich wie ein Pilz anzog, eigentlich gefährlich sein konnte . Ich sah mich schon losrennen, als seine Frau aus dem Klo kam. Ich sah gleich, dass es seine war, weil sie auch wie ein Pilz aussah.Vielleicht passiert einem das, wenn man alt wird. Man wacht auf und plötzlich ist Blassbraun deine Lieblingsfarbe.“ Jenny Valentine. Die Ameisenkolonie S. 166

„Mein Vater sagte überhaupt nichts … Ich glaube, sie hassten mich. Dafür, dass ich all die Jahre ihre Liebe genommen hatte und nun nicht der war für den sie mich gehalten hatten . Ich bin sicher sie hassten mich.“ Jenny Valentine: Die Ameisenkolonie S.197

„Mum sagte, was ihr am meisten von der Stadt fehle, das seien die Fremden. All die Leute, mit denen sie zur nahen Arbeit fuhr oder durch belebte Straßen in der Gegend lief oder ins Kino um die Ecke ging. All die Leute, die sie schon beim ersten Mal nicht sah und dann auch nie wieder.>>Aus denen besteht die Landschaft<<, sagte sie. >>Du hast keine Ahnung, wie wertvoll sie sind, bis sie verschwunden sind.<< „Jenny Valentine: Die  Ameisenkolonie, S. 112

„In den ersten sechs Monaten im Abschiebegefängnis schrie ich jede Nacht und dachte mir tagsüber tausend Möglichkeiten aus, mich zu töten. Für jede einzelne Situation, in die ein Mädchen wie ich im Abschiebegefängnis geraten kann, überlegte ich mir eine Möglichkeit. Auf der Krankenstation , Morphium. In der Besenkammer, Bleichmittel. In der Küche, siedendes Fett…

Man verlegte mich aus der Krankenstation. Nachts schrie ich noch immer, aber nicht jede Nacht. Eine davon war der Horror, aber die andere war die Hoffnung. Ich begriff, dass ich mich ins Leben zurückgetötet hatte.“ Chris Cleave: Little Bee S. 63f. + 66

„Charlie entwand sich meinen Armen und sah mich an. >>Warum ist mein Papa gestorben?<< Ich dachte nach. >>Die Bösen haben ihn erwischt, Charlie. Aber es sind keine, gegen die Batman kämpfen kann. Es sind Böse, gegen die dein Papa in seinem Herzen kämpfen musste und gegen die ich in meinem Herzen kämpfen muss. Es sind Böse, die innen sitzen.<<“ Chris Cleave: Little Bee S. 262

„Er behielt meine Hand zwischen seinen Händen und sagte: >>Ihr könnt tun, was ihr zu tun habt, ich werde derweil diese Hand wärmen.<<“ Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil S. 187

„>> Und was ist das!?<< >>Das sind Bäume, Papa.<< Er zog die Brauen hoch: >>Die erwecken aber nicht den Eindruck von Bäumen.<<

(…) Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.

(…) Es gibt da etwas zwischen uns, das mich dazu gebracht hat, mich der Welt weiter zu öffnen. Das ist sozusagen das Gegenteil von dem, was der Alzheimerkrankheit normalerweise nachgesagt wird – dass sie Verbindungen kappt. Manchmal werden Verbindungen geknüpft…

Das Glück, das mit der Nähe zum Tod eine besondere Dichte erhält. Dort, wo wir es nicht erwartet hätten.“ Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil S. 178f.

„In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft. Momentweise war er wieder ganz bei sich. Wir verlebten glückliche Stunden, deren Besonderheit darin bestand, dass sie der Krankheit abetrotzt waren.

>>Mir geht es meiner Beurteilung nach gut<<, sagte er. >>Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.<< >> Und was willst du machen Papa?<< >> Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.<< Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil S. 102

„Robinson Crusoe ist der einzige Roman, den mein Vater in seinem Leben gelesen hat, den dafür mehrmals, einer der wenigen Romane der Weltliteratur, in dem Liebe kein bedeutendes Motiv ist und umso bedeutender das Motiv der Selbstbehauptung.“ Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil S. 89

„Meine Eltern war vor der Hochzeit nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, was passiert, wenn zwei unterschiedliche Vorstellungen von Glück aufeinandertreffen. Die Zutaten für mögliches Glück brachten beide mit. Bei näherer Betrachtung zeigte sich jedoch, dass die Zutaten zu verschiedenen Arten von Glück gehörten, zu entgegengesetzten. Schließlich wurde jeder für sich unglücklich… Beide konnten den Erwartungen des anderen nicht entsprechen, selbst die Art und Weise sich mitzuteilen, war grundverschieden.“ Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil S. 81

„>>So lange soll sie nicht warten, Ed. Man weiß nie, wie viel Zeit man noch hat… Und deine Mutter hat es mehr als alle anderen Menschen auf der Welt verdient, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Weil sie…<< Und dann nahm er seine rechte Hand vom Lenkrad und fasste sich an die Brust. >>Weil sie … In ihrem Herzen, Ed, kann man wohnen.<< Astrid Rosenfeld: Adams Erbe S. 76

„>>Also wirklich , das kann ich mir nicht vorstellen. Das kann ich einfach nicht glauben.<< Jack seufzte. >>Aber darum geht es nicht, werte Dame. Die Welt wäre ein sehr trauriger Ort, wenn es nur das geben würde, was sie sich vorstellen können.<< Astrid Rosenfeld: Adams Erbe S. 38

„>>Wie wäre es mit einem Lied? Ed, was sagst du, sollen wir für diese Feen und Elfen singen?<< Er zog mich neben sich auf den Tisch, und ich klatschte den Takt. Jacks Stimme ertönte laut und klar, die Damen wiegten ihre geschwollenen Waden auf den Stöckelschuhen hin und her. Niemand außer Jack wäre auf die Idee gekommen, sie als Feen und Elfen zu bezeichnen. Sie rochen nach Provinz, nach Reihenhäusern, nach Mietswohnungen mit Balkon. Sie rochen nach Alltagssorgen und Stampfkartoffeln.“ Astrid Rosenfeld: Adams Erbe S. 57

„Ich versuchte, mir einen kleinen Halt außerhalb von Ihnen zu bewahren, um mich an dem Tag, da Sie mich nicht mehr lieben würden, daran festklammern zu können … was ich im Leid wiederfinden können wollte, war ich selbst. Ich wollte mich auf mich selbst zurückziehen können, alleine mit meinem Schmerz, meinen Zweifeln, meinem fehlenden Glauben. Weil ich mich spüre, habe ich in der Not die Kraft weiterzumachen. Wenn alles sich ändert, wenn alles mir weh tut, bin ich doch selbst noch bei mir. Um mich ganz zu verlieren, hätte ich sicher sein müssen, daß ich mich nicht mehr brauche.“ Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine, S. 28

„Es gibt ihm das Gefühl, daß das Leben, das er zurückgelassen hat, seine Abwesenheit bemerkt hat.“ Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine

„Die Vergangenheit will sterben . Seit vielen Monaten schon kämpf ich, ohne es zu wissen dagegen an.“ Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine

„Giovanni kann mit dem Meer reden, aber nicht mit dem Berg. Das Meer hat ein Gesicht. Es hat Augen, Ohren und einen Mund. Es kann schlucken und speien. Es kann küssen, zum Beispiel wenn man am Strand liegt und es um die Beine schleicht – eine Katze von einem Meer. Es kann dich holen und dich zurückwerfen.

Und es hat siebzehn Namen. Il mare tempesta. Il mare argento al chiar di luna. Il mare rosso fuoco. Il mare infinito. Das lehmfarbene, träge Sommermittagsmeer, wenn die Wellen gleichgültig im Sand verlaufen. Das tänzelnde Meer mit seinen Glitzerwellen vor einem Wetterumschlag. Das Meer nach dem Sturm, weißlichgrün und stürmisch verwühlt. Das schalfende Meer in der Nacht … Das Smaragdmeer bei Südwind … Die Wellen, wenn das Meer die Faust macht. Das brackige Meer. Das fragende Meer.“ Rolf Dobelli: Massimo Marini S. 112

„Zur Psychotherapie: Dass sich jemand so für einen interessiert, mehr, als man sich je für sich selbst interessieren kann, empfinde ich als Luxus. Ich komme mir dann eine Stunde lang sehr wichtig vor.

Es ist wie ein Dampfbad: Man schickt sich hinein, gnießt die aromatische Hitze, die Entschlackung aller Gedanken, dann entsteigt man dem Dampf, und nichts bleibt von dieser Stunde übrig.“ Rolf Dobelli: Massimo Marini  S. 214

„Du musst lernen, andere nicht nach dem Bild zu beurteilen, das du dir nach kurzer Zeit von ihnen machst, Jodie. Es braucht lange, um jemanden wirklich kennen zu lernen. Und bei Menschen, die verletzt worden sind, ob nun äußerlich oder tief in ihrem Inneren, ist es besonders schwer. Oftmals sind sie spröde oder scheu im Umgang mit anderen. Man muss Geduld haben, es sich verdienen, in ihr Herz blicken zu dürfen. Doch ist es einem gelungen, wird man nicht enttäuscht sein, denn es gibt so viel Schönes zu entdecken.“  Antje Babendererde: Libellensommer S. 193

„Vielleicht ist es mehr so, wie du vorher gesagt hast, dass wir Risse bekommen. Am Anfang sind wir alle wasserdicht, aber dann passieren Dinge – Leute verlassen uns, lieben uns nicht oder verstehen uns nicht, oder wir verstehen sie nicht, und wir verlieren und scheitern und tun einander weh. Und so bekommen wir Risse … Trotzdem – da ist eine Menge Zeit zwischen den Rissen und dem Ende, wenn wir auseinanderbrechen. Und vielleicht ist gerade das die Zeit, in der wir einander sehen können, weil wir durch unsere Risse hinausblicken können und durch die Risse der andere in sie hinein. Wann haben wir uns das erste Mal richtig wahrgenommen? Als du durch meine Risse gesehen hast und ich durch deine. Davor haben wir nur die Bilder angesehen, die wir voneinander hatten, so wie ich dein Rollo angesehen habe, aber nie dahinter. Erst wenn wir Risse haben, kommt das Licht herein. Und das Licht kommt heraus.“  John Green: Margos Spuren S. 328

„Ich habe runtergesehen und gedacht, dass ich aus Plastik bin. Ich war so hohl und so falsch, nicht die anderen. Das Seltsame ist, die Leute lieben Plastikmädchen. Das war schon immer so. Plastikmädchen sind Projektionsflächen. Und schlimmer noch, mir hat es auch gefallen. Ich habe es drauf angelegt, verstehst du?

Weil es irgendwie toll ist, etwas zu sein, das alle mögen. Nur dass ich nicht meine eigene Projetkionsfläche sein konnte. Aber Agloe war für mich ein Ort, wo aus etwas Falschem etwas Echtes wird. Aus einem fiktiven Punkt auf der Landkarte ist ein echter Ort geworden …“ John Green: Margos Spuren S. 318

„Wenn ich gesagt hätte, dass ich Matteo liebe … dann hätten mich womöglich die meisten verstanden, aber wie sagt man, dass man eine Ebene liebt, die Pappeln, staubig, gleichgültig, stolz, und die Luft dazwischen?.“ Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf, S. 8

„…Mutters Worte, die mitten ins Herz treffen und zeigen, was Vates Überhebungen im Grunde sind, nämlich die Hilflosigkeit gegenüber erlittenem Schmerz, Enttäuschungen, die sich hinter diesen Sprüchen verschanzen (und es gäbe so viel zu sagen über den Kurzschluss, dass ein Mensch, der in einer Sprache Fehler macht, als dumm gilt, die Fehler meiner Eltern, die in meinen Ohren eine eigene Schönheit haben; es wäre die Gelegenheit zu sagen, dass Mutter und Vater, wenn sie Ungarisch sprechen, wie verwandelt ausssehen)…“  Melinda Nadj Abonj; Tauben fliegen auf S. 149

„Mir kommt es vor, als hätten die meisten Leute, wenn sie erwachsen werden, nichts Besseres zu tun, als sich etwas Unmögliches in den Kopf zu setzen und sich danach zu sehnen. Ich mache das mit Vater – und Violet. Mutter macht es mit dem, was aus ihr vielleicht werden würde, wenn sie ihr Leben noch einmal leben könnte. Bob macht es mit Mutter, sagt jedenfalls Mercy… Mercy machte es mit Kurt Cobain und Brustimplantaten und bewusstseinsverändernden Drogen.“  Jenny Valentine: Wer ist Violet Park, S. 116

„Wenn eine Familie zerfällt, baut sie sich um das, was fehlt, wieder herum. Als Vater wegging, war das, was uns verband, eben sein Fehlen, die Tatsache, dass wir ihn vermissten und über ihn nachdachten und auf der Straße nach seinem Gesicht suchten. Auf seltsame Art war das Loch, das er hinterlassen hatte, der Kit.“  Jenny Valentine: Wer ist Violet Park, S. 136

„Ich bin nicht sicher, ob diese Zeilen so lauteten. Das Schöne an den Büchern ist, daß man sie nach einer Weile nicht mehr unterscheiden kann. Die Wörter ziehen durch die Welt und bedeuten immer etwas anderes, wie Farben, die niemand schildern kann.“ Roberto Controneo: Diese Liebe S. 55

„Dieser Spiegel hat unseren Himmel zertrümmert…Nun verletzt er die Schatten der Nacht.“ Roberto Controneo: Diese Liebe S. 55

„Ich glaubte, Edo könnte mich betrügen. Ich hatte mich in einen Schlupfwinkel zurückgezogen und wartete. Manche Frauen warten, Frauen wie ich.

Dann begriff ich, daß Freude durch Freude gerettet wird, Liebe durch die Nichtliebe verjagt. Doch auf diesem Photo wartete ich noch auf eine Antwort der Welt, auf irgendeine Antwort, wie ein verängstigter Bergsteiger auf den nächsten Haltepunkt.“  Roberto Controneo: Diese Liebe S. 110

„Ich bin schuldig, weil ich eine aus Erinnerungen bestehende Zukunft erfinde. Ich bin schuldig, weil ich mir etwas wünsche, was kein Gesicht mehr hat und auch keinen Körper. Ich bin schuldig, weil ich  noch immer glücklich bin.“  Roberto Controneo: Diese Liebe S. 127

„FRÜHER HATTE ARTHURS BÜROKABUFF GLEICH HINTER dem Wasserspender gelegen, aber irgendwann waren es die Chefs leid, immer, wenn sie Durst hatten, mit ihm plaudern zu müssen. Und so blieb der Wasserspender da, und Arthur zog um. Jetzt ist sein Arbeitsplatz irgendwo hinten in der Ecke, so weit wie möglich entfernt vom Zentrum der Macht, aber näher an dem Schrank mit den Stiften, was durchaus tröstlich ist.“  Tom Rachman: Die Unperfekten S. 47

„Je mehr er brüllte, desto fester drückte er mich an sich. Und weißt du, was das Komischte ist? Jetzt, wo das Schlimmste passiert war, wo ich entlarvt war … da war es gar keine Katastrophe mehr. Es war, na ja, unvermeidlich. Mein Vater war wütend, aber ich, ich konnte nicht aufhören zu lächeln. Du siehst mich, dachte ich und schloss die Augen. Du siehst mich.“ Jodi Picoult: Zerbrechlich S. 555

„>>Ich verliere mich<<, sagte Rebecca. Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, wusste sie, es war die Wahrheit. (…) Rebecca klappte ihr Handy zu. Sie blieb auf der Bank sitzen. Der Regen fiel immer stärker. Sie war als einzige Besucherin im Park übrig. Sie wusste, der Regen konnte ihr nichts anhaben. Sie fühlte sich unverwundbar. Sie fühlte den Regen auf ihrer Haut, und dann fühlte sie ihn plötzlich nicht mehr. Sie betrachtete ihren Arm und sah, dass der Regen nicht länger darauf-, sondern hindurchfliel. Sie war dabei, sich aufzulösen.“  Andrew Kaufman. Nach dir die Sintflut S. 265

„Der Unterricht nimmt seinen Fortgang, das Mädchen aber sitzt still, und die ganze bleierne Beschriftung seines Gehirns fällt nun in den blauen Himmel hinein, der vor den Schulfenstern steht, jedes Wort und jeden Gedanken läßt es los, bis es schließlich einfach dasitzt und ganz leer ist, und man mit Recht von ihm sagen könnte: Es ist ein unbeschriebenes Blatt.“  Jenny Erpenbeck: Geschichte vom alten Kind, s. 20

„>> Der zurückgekehrt ist, ist ein anderer, glaub mir. Selbst wenn alle hier der Ansicht sind, daß sich das innerste Wesen eines Menschen nicht ändert, kann ich dir versichern, daß ich nicht mehr derselbe bin.<<

In Wirklichkeit bin ich wieder der, den sie im Lauf der Jahre in mir erstickt haben, der, der ich war, ehe sie mich bestatteten. Ich bin dieses kaum neunjährige Kind, das auf dem Kai am Hafen entlangrennt, in dem Augenblick ehe es fällt, in dem Augenblick vor dem Sturz.“ Philippe Besson: Einen Augenblick allein, S. 129

„>>Diese Schönheit habe ich wiedergefunden. Zucke nicht mit den Schultern, glaub mir. Sie ist nicht verschwunden. Die Müdigkeit, vielleicht auch das Eingesperrtsein haben sie gedämpft, aber die Hauptsache ist heil geblieben. Das Wesentliche ändert sich nicht. Die Sanftheit ist immer noch da.<<

Ich stimme insgeheim zu: Es gibt Züge, die man einem Menschen nicht nehmen kann, die ihn sein ganzes Leben begleiten, trotz des Älterwerdens, trotz der Häßlichkeit, trotz der Prüfungen. Das kann die Sanftheit sein. Oder die Jugend. Oder das Unglück.“ Philippe Besson: Einen Augenblick allein, S. 153

„Gemeinsam werden wir zu denen, die wir sein müssen, zu denen, die wir einzeln nie werden könnten.“ Philippe Besson: Einen Augenblick allein, S. 177

„Und dann Luke. (…) Was werden sie hier von der Geschichte dieser auf seinen Schultern in Flecken verstreuten Schönheit begreifen?“ Philippe Besson: Einen Augenblick allein, S. 24

„Als es zu regnen begann, schloss er die Augen. Ein kurzer, aber heftiger Schauer. Als er die Augen wieder öffnete, war die Dämmerung hereingebrochen. Er stand auf, ging ein paar Schritte und spürte am ganzen Körper, dass sich etwas verändert hatte. Als wäre er gewachsen. Eine Last war von ihm gefallen, er war frei. Er erwartete nichts mehr vom Leben. Nicht weil er enttäuscht war oder verbittert. Er erwartete nichts, weil es nichts Wichtiges mehr gab, das ihm hätte zufallen können. Alles Glück, das ein Mensch finden kann, besaß er. Er liebte, und er wurde geliebt. Bedingungslos.

Er sprach den Satz aus, leise, seine Lippen bewegten sich kaum: Ich liebe und werde geliebt.“  Jan-Philipp  Sendker: Das Herzenhören S. 254

„Was immer ein Kind braucht, Mya Mya wusste es nicht. Sie kam mit leeren Händen. Was sie an Liebe besessen hatte, gab es nicht mehr. Fortgespült. An einem heißen, brütendem Tag im August.“ Jan-Philipp Sendker: Das Herzenhören S. 59

„Ducks kam mit einem tiefen Kummer zur Welt, der so schwer auf ihr lastet, dass sie übermenschliche Kräfte entwickeln musst. Wegen der Größe dieses Kummers kann sie ihn nur mit Hilfe ihrer Superfähigkeit loswerden, aber diese kann sie nicht einsetzen, bevor sie ihren Kummer los ist, und ihren Kummer wird sie nicht los, ohne ihre Superfähigkeit einzusetzen. Insgesamt also ist sie nicht besser dran als ein Normaler.“ Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind Superhelden, S. 52

“ Sie zog ihm das Hemd aus, die Schuhe, die Socken. Dann seine Hose, seine Unterhose. An diesem Punkt machte die Perfektionistin bei den meisten halt. Nicht so bei Tom. Ihr Übermut war noch nicht verflogen. Sie streifte ihm die Haut ab, dann das Nervensystem, dann klappte sie den Brustkorb auf. Sein Herz schlug in ihrer Hand. Und unter dem Herzen fand sie eine juwelenbesetzte goldene Schatulle. Sie öffnete die Schatulle und betrachtete den Inhalt: seine Hoffnungen, Träume, Ängste. Beeindruckt von diesen Funden und ihrer Schönheit, verliebte sich die Perfektionistin auf der Stelle in Tom. Sie tat alles zurück, streifte ihm die Haut über, zog ihm die Sachen wieder an und umarmte ihn.“ Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind Superhelden, S. 72

„Die Kindheit der Batterie war von zwei Kräften beherrscht gewesen – ihrem übermächtigen Vater und ihrem übergroßen Trotz. Die Kombination dieser zwei Kräfte verlieh ihr die Fähigkeit, riesige emotionale Energiebeträge zu speichern und mit einem gewaltigen Blitzschlag zu entladen. Aber Vorsicht ist geboten: Die Batterie fragt nicht nach gut oder böse, nach Freund oder Feind. Ihre Gefühlsausbrüche sind unvorhersehbar und können jeden treffen.“ Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind Superhelden, S. 31f

„Paul sah klein und leicht aus, so leicht, daß sie dachte, sie würde ihn tragen können.

Und sie wollte sagen, mach dir keine Sorgen, ich werde mich um deine Familie kümmern. Ich werde Lukas von dir erzählen, von Tante Edeltraut und von Herrn Nottelmann, alle Geschichten von dem Land, das jetzt selbst eine Geschichte geworden ist. Und ich werde ihn an die Hand nehmen und mit ihm zum Pferderennen gehen, und ich werde mein ganzes Geld auf das Pferd setzen, das er mir zeigt. Ich werde ihm erzählen, daß Pferde sich mit Pferdedecken zudecken und auf Pferdekopfkissen schlafen. Und von dem gewonnenen Geld werde ich mit ihm ans Meer fahren, nach Italien, das Land, in dem alle kleinen Jungen Prinzen sind, und ihm den Dom zeigen mit den goldenen Sternen.“   Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre S. 219 f

„Eichentruhe Vollholz Ausführung hell patiniert. Großer Eichen-Kuppeltruhensarg >> Waldfrieden<<, Ausführung Vollholz mit zehnteiligem Beschlag. Lärche-Truhensarg >> Abendmahl<<, Ausführung Vollholz hell patiniert. Die Särge erinnerten sie an die Schrankwand ihrer Mutter. Altdeutsch, mit beleuchtetem Barfach. (…) Die Menschen, zu deren Beerdigung sie bisher gegangen war, hatten alle gut zu diesen altdeutschen Schrankwand-oder Bauernküchensärgen aus dem Katalog gepaßt. Vielleicht war das Sargproblem auch einfach nur ein Generationsproblem, und in wenigen Jahren würde es fünfunddreißigteiige IKEA-Särge zum Mitnahmepreis geben (…) oder den prakitschen Öko-Sarg zum Auseinanderfalten.

Haben Sie auch bunte Särge? Auf der Glatze des Bestatters hatten sich kleine Schweißperlen gebildet.“     Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre, S. 18 f.

„Wisst ihr, tagein,tagaus lauschen wir Fischer dem Lied des Windes, wir sind damit verwoben, davon durchschnitten. Er flüsterlispelt in den Segeln, raschelsingt in der Takelage und wir wissen ihn in den Wanten. Und immer, ewig und überall auf diesen Wassern singt er die Melodie des ewigen Paradieses, das war und ist und zugleich verloren ist für immer…“ Sentirus in: Marco Kunst: Isas Traum, S. 166

„>>Du übernimmst keine Verantwortung für das, was du bist, was du tust … Und Nacht für Nacht verkriechst du dich vor deinen Ängsten!<< Isa schaute wütend weg in die glühende Asche des Feuers… >> Ich laufe nicht weg<<, murmelte sie. >> Ach nein? Und wieso reist du dann niemals in der Nacht? Na?<< >> Was hat das denn damit zu tun?<< >> Die Nachtwesen sind deine Ängste, meine Liebe. Hast du das denn immer noch nicht begriffen? Alles, wovor du Angst hast, alles, was dir  nicht in den Kram passt, das verbannst du nach Schattenland!<< Justitia stocherte mit ihrem Schwert in den glühenden Schlacken.>> Unerwünschte Erinnerungen, Gefühle und Gedanken … Nachts kommen sie zum Vorschein, fliegen über dem Innenland herum auf der Suche nach Aufmerksamkeit, nach Annerkennung. Frustriert, wütend, verzweifelt …<<

>>Aber es sind Monster!<<, rief Isa. Die Schwertspitze schwenkte glühend in Isas Richtung. >> Du hast Monster aus ihnen gemacht! Weil du ihnen nicht ins Auge zu sehen wagst …<< Marco Kunst: Isas Traum, S. 300

„Radegunde war tot. … An diesem Tag begriff Tobie, dass man, wenn man jemanden beweint, auch über das weint, was man nicht von ihm bekommen hat. Maia weinte über die Mutter, die sie nicht gehabt hatte. Von jetzt an, das war sicher, würde keine ideale Mutter mehr in ihrem Leben erscheinen. Deshalb schluchzte sie. “ Timothee de Fombelle: Tobie Lolness, S. 235

Ich habe gelogen. Aber das Wort war nicht ganz richtig. Es ging nicht um Wahrheit oder Lüge. Sie hatte nur eine Lupe über ein paar Erinnerungen gehalten, die dadurch verzerrt worden waren. Außerdem hatte sie Dinge erfunden und ihre Fantasie mit der undefinierbaren Traurigkeit, die sie manchmal erfüllte, spielen lassen.“ Valérie Dayre: Lilis Leben Eben, S. 118

„Wie ein Blitz traf Lili die Erkenntnis, dass sie eines Tages so alt sein würde wie ihre Eltern und vielleicht das gleiche Leben führen würde wie sie, ihre Welt geerbt hätte oder zumindest eine sehr ähnliche.

Würde sie, nachdem sie all die Schläge eingesteckt und die Gewohnheiten ihrer Eltern angeklagt hatte, selber genauso werden und nur noch träumen, um ihren Lebenswillen nicht zu verlieren und morgens aufstehen zu können, ohne zu verzweifeln? … Würde sie ihre Kinder so erziehen, dass sie später ein Leben führen voll von Verzicht, kleinen Gemeinheiten, wenigen großen Momenten und aufblitzenden Träumen, die man schnell auf Glanzpapier bannt, damit man sie nicht vergisst?“    (Valerie Dayre: Lilis Leben Eben S. 119)

„Und sie hatte Cassandra mit zu sich nach Hause genommen. In Nells Haus war sie besser aufgehoben, dort konnten ihre Geister es sich nicht so gemütlich machen, denn Nell hatte ihre eigenen Dämonen, da konnten die, die Cassandra mitbrachte, sich nicht ganz so frei entfalten.“ ( aus Kate Morton: Der verborgene Garten, HC,  S.238f. )

„Who are you?“ said the Caterpillar. This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, „I – I hardly know, Sir, just at present  -at least I know who I was when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.“

„What do you mean by that?“ said the Caterpillar, sternly. „Explain yourself!“ „I ca ’n ‚t explain myself, I’m afraid, Sir,“ said Alice, „because I’m not myself, you see.“ „I don’t see,“ said the Caterpillar.

„I’m afraid I ca ’n ‚t put it more clearly, “ Alice replied, very politely, „for I ca ’n ‚t understand it myself, to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.“ ( Lewis Carroll: Alice‘ s Adventures in

Wonderland p. 40 f. )

„Dann fragt Arthur den alten Mahmud, der aus der Wüste kommt und immer seine Blumentöpfe gießt jeden Tag um neun.Der sagt ihm sofort: Ein Gedicht, das ist, wenn du das Herz der Steine schlagen hörst.“  (aus Jean-Pierre Simeon: Gedicht für einen Goldfisch)

„You have brains in your head. You have feet in your shoes. You can steer yourself any direction you choose. You’re on your own. And you know what you know. And YOU are the guy who’ll decide where to go. “ ( aus Dr. Seuss: Oh, the Places you’ll go S. 6)

„Out there things can happen and frequently do to people as brainy and footsy as you. And when things start to happen, don’t worry. Don’t stew. Just go right along. You’ll start happening too.“ ( Dr. Seuss: Oh, the Places you’ll go S. 12f. )

„Meinst du wirklich, das Fell des Nemeischen Löwen machte Herkules unbesiegbar? Unsinn. Der Löwe war sein eigener Schatten. Er musste sich selbst besiegen, um ganz zu werden. Wir hatte alle die Chance, so zu sein wie er. Helden und – ja!-  Hüter. Aber wir haben uns entschieden, Raubtiere zu sein.“ ( Nina Blazon: Schattenauge S. 275)

„Die Jahrhunderte verinnen wie ein träger Fluß aus Klängen und Bildern. Gesichter und Städte ziehen vorbei. Manche Bilder sind vollständig und klar, andere verschwinden im Nebel. Jede Zeit hat ihre Bilder und Geräusche.

Manche Zeiten hallen wider von Hymnen, von Tönen, die aufsteigen unter Steingewölben. Doch auch Geräusche von Eisen gibt es, von Feuerschreien oder von leisen Lauten, die stilles Weinen sind. Langsam gleiten sie dahin, wie Eisgang auf einem Fluß.“ (Erik Fosnes Hansen. Choral am Ende der Reise S. 15)

„Bäume sind auch nur Brokkoli mit Größenwahn.“ (Theresa Hahls, the word is not enough,  blue shell)

„Ich will nach den Sternen greifen, doch der Arm ist zu kurz.“ (Jonas Klee aka. Quichotte, the word is not enough, 21.03.2010, blue shell)

„Es gibt Gedanken, die, wie die Augen der Eule, das Tageslicht scheuen. Sie entstehen in der Nacht, wo sie dieselbe Funktion haben wie der Mond: ganze Meere von Gefühlen in irgendwelchen geheimen Winkeln der Seele zu bewegen. Gedanken dieser Art trug Bonaria Urrai viele in sich, und sie hatte gelernt, sie im Zaum zu halten und gut zu überlegen, in welchen Nächten sie sie in sich aufsteigen ließ.“ ( S.98  Michela Murgia: Accabadora)

„Seine Leichtfertigkeit bereuend, ließ er sich zu Boden gleiten und erzählte Maria unter Tränen alles, was er in der vergangenen Nacht beobachtete hatte. Maria hörte ihm ungläubig zu, und niemandem war bewusst, dass in verschiedenen Teilen des Hauses Trauergesänge nicht nur für einen, sondern gleich für drei Verluste abgehalten wurden: für den Atem Nicolas, die Unschuld Andrias und das Vertrauen Maria Listrus in Bonaria Urrai.“ ( S. 111, Michela Murgia: Accabadora)

„Die weitläufige Diele war in Irrenhaus-Apfelgrün gestrichen: grüne Wände, grüne Wandtäfelung, grüne Decke. Auf dem Boden lag billiges Linoleum, das man mit derart brutalen Furchen und Rillen übersät war, dass man vermuten konnte, ein Archäologe habe es aus dem Kolosseum in Rom geborgen und hier einer zweiten Verwendung zugeführt. Jedes Mal, wenn ich auf eine der vielen braunen Pusteln trat, gab der Bodenbelag ein wiederliches Pfft! von sich. Irgendwann würde ich mich einmal mit der Frage beschäftigen müssen, ob ein Farbton eigentlich Brechreiz verursachen kann.“ (S. 282 f. Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet)

„Entführt zu werden ist irgendwie anders, als man es sich gemeinhin vorstellt. Zunächst einmal hatte ich meinen Entführer weder gebissen noch gekratzt. Ich hatte auch nicht geschrien. Ich war still und gehorsam neben ihm hergetrabt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.

Die einzige Entschuldigung, die mir dafür einfällt, ist die, dass ich ganz und gar mit fieberhaftem Nachdenken beschäftigt war, und keine Kraft mehr für meine Gliedmaßen übrig blieb. Es war ein erstaunlicher Haufen Unsinn, der mir jetzt durch den Kopf ging.“ ( S. 324 Alan Bradley: Flavia de Luce -Mord im Gurkenbeet)

„Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“ – Franz Kafka (Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903)

„Begreift ihr nun? Mein Ursprung ist der Hauch.

Ein Hauch ist nichts. Und der Name auch.

Erfühlt es tief. Meine Ende ist der Duft.

Sehr sanft entläßt ihn meines Namen Gruft.

Die Gruft ist leer. O neu gehauchtes Glück:

Die Welt strömt ein. Ich atme sie zurück.

(Elisabeth Länggäser: Die Rose)

auf Esthers Frage, ob die Ehe ihm mehr gegeben oder genommen habe: „Manchmal denke ich“, sagt er endlich , „dass wir uns gegenseitig bestohlen haben. Dass von jedem von uns nur die Hälfte geblieben ist .“( S.91Michael Viewegh: Engel des letzten Tages)


24. Januar 2012

5 Kommentare zu “Schöne Stellen zitiert”

  1. am 21. Februar 2010 um 13:37 1.Sarah schrieb …

    Dann, eines Tages, hatte die Stadt gelbere Mauern als sonst, der Himmel muss klarer gewesen sein als für gewöhnlich, es war Dezember, verkleidet als ein Mai, der besser war als jeder erfundene.
    Ich glaube, die Menschen auf der Straße gingen unbeschwerter und ohne Hast. Ich glaube, die Wörter brauchten an einem solchen Tag von niemand gesagt zu werden, ich glaube, die Blicke der Passanten entbrannten, ohne dass die Zündschnur eines wie auch immer gearteten Glücks nötig war.

    Roberto Cotroneo: Diese Liebe
    Insel 153 Seiten

  2. am 3. Juni 2010 um 13:24 2.Sarah schrieb …

    … „sie küsst mich auf die Wange. Komischerweise fühlt es sich an, als ob sie mir gerade einen Diamanten ins Gesicht drücken würde, als ob dieser Teil von mir funkeln und leuchten würde und eine Million Dollar wert wäre.“

    Evan Kuhlmann: Der letzte unsichtbare Junge

  3. am 3. Juni 2010 um 13:28 3.Sarah schrieb …

    Idee um seine Unsichtbarkeit zu begründen:

    „Alle meine Buntstifte sind mir geklaut worden, bis auf den schwarzen und den weißen.“

    …“an dem ein riesiger Radiergummi vom Himmel fiel und mich verblassen ließ“

    Evan Kuhlmann: Der letzte unsichtbare Junge

  4. am 14. Oktober 2010 um 18:37 4.Kai schrieb …

    „Weil es hier nicht um Hass und Liebe geht“, sagte Helen. „Es geht um Kontrolle. Die Menschen setzen sich nciht hin und lesen ein Gedicht, um ihr Kind zu töten. Sie wollen nur, dass es einschläft. Sie wollen nur Herrschaft ausüben. Egal, wie sehr man einen anderen liebt, man will doch nur den eigenen Kopf durchsetzen. Der Masochist drängt den Sadisten zur Tat. Der Passivste ist in Wahrheit ein Aggressor. Tag für Tag bedeutet allein die Tatsache, dass Du lebst, Tod und Elend für jede Menge Tiere u. Pflanzen – und auch einige Menschen.“ Chuck Palahniuk „Lullaby“

  5. am 19. Oktober 2010 um 10:45 5.sarah schrieb …

    „“Und wenn du dreihundertmal auf die Nase fällst. Suche weiter neue Freunde und sei nicht misstrauisch!“ Er zog an seiner Wasserpfeife und sagte:“ Weißt du, mein Freund, die Schwachen dieser Welt haben die Freundschaft erfunden. Die Mächtigen brauchen keine. Sie haben ihre Macht. Suche deine Freunde, und lass die Lupe sein, denn mit ihr machst du den größten Fehler deines Lebens: Du wirst einsam leben. „“

    Rafik Schami: Eine Hand voller Sterne

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.